Anonyme Insolvenzler : Im Wendekreis des Pleitegeiers

Am kommenden Mittwoch treffen sich zum ersten Mal die Anonymen Insolvenzler in Berlin.

Moritz Honert
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Foto: Sven Döring/Visum

Berlin - Erst kamen die Schulden, dann kam die Angst. „Ich sah mich schon unter Brücken schlafen“, sagt Dieter K., wenn er sich an den Moment erinnert, in dem ihm klar wurde, dass es nicht mehr weitergeht. Dass sein Geschäft nicht mehr zu retten ist, dass der Schritt in die Insolvenz der letzte ist, der ihm übrig bleibt.

Im Jahr 2004 hatte sich der heute 39-Jährige aus Nordrhein- Westfalen als Versicherungsmakler selbstständig gemacht. Schwieriges Terrain, wie er sagt. „In der Branche kann man nur überleben, wenn man ganz schnell groß wird.“ Wurde K. aber nicht. „Dafür hätte ich den Leuten auch mal Mist andrehen müssen“, ist er sich sicher. Das habe er aber nicht gewollt.

Als dann im vergangenen Herbst 14 000 Euro in der Kasse fehlten, mit denen er fest gerechnet hatte, war K. zahlungsunfähig. Sich das einzugestehen kostete Kraft. Die Firma sollte die finanzielle Grundlage für eine Familie schaffen. „Ich hatte damals das Gefühl, ich hätte was verbrochen“, erzählt K.. „Scheitern ist in unserer Gesellschaft ja ein Tabu.“ Er litt unter Übelkeit, Schwindel, hatte schlaflose Nächte, vergrub sich.

Seine Geschichte ist typisch. Mehr als 155 000 Insolvenzfälle gibt es jährlich. In diesem Jahr waren es bis Ende Mai wieder 65 200 – davon rund 13 400 Unternehmensinsolvenzen.

Viele der Betroffenen leiden an Depressionen, an den wegbrechenden sozialen Kontakten. Manch einer denkt sogar an Selbstmord. Fast alle aber klagen über ein mangelndes Hilfsangebot. „Es gibt kein Kompetenzzentrum, kein Netzwerk“, sagt K.. „Jeder Berater kümmert sich immer nur um einen kleinen Ausschnitt des Problems.“

Diese Lücke zu füllen haben sich die Anonymen Insolvenzler zur Aufgabe gemacht. 2007 in Köln als Selbsthilfegruppe gegründet, entwickelten sie sich inzwischen zu einer bundesweiten Initiative mit Ablegern in München und Hamburg. Am 26. August treffen sich zum ersten Mal die Anonymen Insolvenzler in Berlin.

Organisator der Berliner Gruppe ist Heinz Egerland. Er hat eine klare Vorstellung davon, was das Angebot leisten soll und was nicht: „Mir ist wichtig, dass wir keine Heulstunde sind, in der jeder mal jammern kann, wie schlimm es ihm geht“, sagt der 56-jährige Rechtsanwalt aus Wilmersdorf. Auch seien die Anonymen Insolvenzler keine Rechts- oder Schuldnerberatung. „Was wir wollen, ist, ein Netzwerk aufbauen, bei dem sich die Betroffenen gegenseitig helfen, Tipps geben und sich über Erfahrungen austauschen können.“ Der Bedarf für eine Gruppe wie diese sei groß in der Stadt, sagt Egerland. Bei Privatinsolvenzen sei Berlin bundesweit Spitzenreiter und nicht wenige Betroffene kapitulierten vor ihrer Situation. „Für Schuldner ist es unmöglich, in dem Dickicht von Beratern den Durchblick zu behalten“, sagt Egerland, der selbst erfolgreich eine Insolvenz durchlaufen und sich danach als Fachanwalt auf dieses Thema spezialisiert hat.

Dieter K. hörte von den Anonymen Insolvenzlern in Köln zum ersten Mal im Radio. Ein Freund hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Erst dachte K.: „Was wollen die mir erzählen?“ Dann ging er doch hin.

Mit 15 anderen Betroffenen saß er dann in einem Stuhlkreis. Der Organisator erklärte die Spielregeln: Die Teilnehmer bleiben anonym und sprechen sich nur mit Vornamen an. Jeder erzählt nur, was er erzählen will. Die Treffen finden einmal im Monat statt und sind, was die Themen angeht, offen. Und anders als bei den Anonymen Alkoholikern gibt es auch kein konkretes Programm.

„Mir hat das wahnsinnig gutgetan“, sagt K.. In den Runden erfuhr er beispielsweise, welche Bücher den anderen in seiner Situation geholfen und wo sie verlässliche Informationen oder kompetente Beratung bekommen hatten. Vorher habe die Insolvenz nur auf dem Papier stattgefunden, sagt der Versicherungsmakler.

Sich mit anderen Betroffenen über das Problem auszutauschen habe in seinem Kopf für Klarheit gesorgt. Und zu sehen, dass auch andere mit den Problemen fertig werden, gab ihm wieder Selbstvertrauen. K. hat vor, seine Firma wieder auf die Beine zu stellen. Außerdem will er die Idee weitertragen. Auch in Düsseldorf soll es bald Treffen von Anonymen Insolvenzlern geben – organisiert von Dieter K..

Treffpunkte und Termine unter

www.anonyme-insolvenzler.de

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