Wirtschaft : Anpfiff für Anleger

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In 77 Tagen rollt der Ball wieder. Ab 11. Juni werden schätzungsweise 26 Milliarden Fernsehzuschauer aus 214 Ländern nach Südafrika blicken. Drei Millionen Touristen erwarten die neun Austragungsorte der Fußball-WM. Bis zum Anpfiff in Johannesburg wird Südafrika rund vier Milliarden Euro in den Bau von Stadien und die Erneuerung der Infrastruktur gesteckt haben. Zahlreiche deutsche Firmen erhielten im Vorfeld millionenschwere Aufträge. Einen Zusatz-Profit von der WM erhoffen sich nun vor allem noch Sportartikelfirmen oder die Hersteller von TV-Geräten. Aber kann auch der Anleger in Deutschland vom Fußballfieber am Kap profitieren?

Grundsätzlich bieten sich Privatanlegern zwei Möglichkeiten, mit sportlichen Topereignissen Geld zu verdienen: Sie kaufen Aktien von Unternehmen, die im Umfeld der WM gute Geschäfte machen oder sie setzen auf das Gastgeberland, das über Imagegewinn und Investitionen profitiert.

Mit 1,5 Milliarden Euro haben sich deutsche Firmen schon ein beträchtliches Stück vom Investitionskuchen in Südafrika abgeschnitten. Siemens schnappte sich allein eine Milliarde, vor allem für den Ausbau der Energie-Infrastruktur. Die Sparte Healthcare lieferte IT-Systeme an Krankenhäuser, die Tochter Osram die komplette Lichttechnik für acht WM-Stadien. In den Auftragsbüchern von MAN standen 110 Überlandbusse für den Transport der Besucher, T-Systems lieferte Kommunikationstechnik in dreistelligem Millionenvolumen. Von Lanxess, der Spezialchemie-Sparte von Bayer, stammen Kunststoffe für die Bestuhlung in den Stadien, auf Kunststoffen von BASF und Degussa laufen die Kicker mit ihren Stollenschuhen aus dem Hause Adidas.

Auch der WM-Ball, der Jabulani, stammt seit 1970 traditionell von Adidas. Ob die Herzogenauracher den „rundesten Ball der Geschichte“ wie seinen Vorgänger „Teamgeist“ erneut 15 Millionen Mal verkaufen können, ist zwar ungewiss. Adidas-Chef Herbert Hainer erhofft sich von der WM 2010 aber dennoch neue Rekordumsätze. Die Voraussetzungen sind gut: Adidas ist offizieller Sponsor, rüstet mit Deutschland, Argentinien und Spanien nicht nur potenzielle WM-Sieger, sondern auch Funktionäre, Schiedsrichter und das Gastgeberteam aus. Den zwölf Adidas-Teams stehen neun Mannschaften in Nike-Trikots gegenüber, dazu kommen sieben in Puma, darunter der amtierende Weltmeister Italien.

Auch Nike schläft nicht: Die US-Firma, die den Weltmarkt für Sportbekleidung dominiert, hat inzwischen ein größeres Fußball-Portfolio. Zudem lässt Nike die Balltreter von Brasilien über die USA bis Südkorea in Trikots aus recycelten PET- Flaschen kicken und erhofft sich davon einen Imagegewinn. Der Wettbewerber Puma ist in Afrika ohnehin traditionell sehr präsent. Das Unternehmen rüstet unter anderem die Teams der Elfenbeinküste, von Ghana und Kamerun aus.

Christoph Dolleschal, Aktienanalyst der Commerzbank, warnt davor, schnell zur Aktie eines Sportartiklers zu greifen. Zwar sei die Präsenz in Südafrika wichtig für das Image der Unternehmen. Auch ein gutes Umsatzplus sei durch die WM fraglos zu erwarten. Allerdings kosteten Sponsoring und Marketingaufwand umgekehrt „richtig viel Geld“, so dass sich die höheren Umsätze nicht positiv auf den Gewinn auswirken werden – und somit auch nicht auf die Aktie. Dolleschal: „Das ist ein Nullsummenspiel.“ Der Analyst hat die Adidas-Aktie zwar gerade zum Kauf empfohlen, dies jedoch nur, weil sich mit der Konjunktur auch der Sportartikel-Markt insgesamt wieder erhole.

Die Analysten von Prior Börse meinen dagegen, dass Anleger „den Impuls, der von der Fußball-WM ausgeht, nicht unterschätzen sollten“. Puma werde beispielsweise an der Börse aktuell mit 3,4 Milliarden Euro bewertet, das ergebe ein günstiges Kurs-Gewinn-Verhältnis von zwölf. Commerzbank-Experte Dolleschal hält vor allem Nike für interessant: „Wenn man Fußball hört, denkt man automatisch an Adidas, aber Nike ist insgesamt profitabler und reagiert schneller auf neue Trends.“ Nachdem das Unternehmen 2009 noch massiv gegen die Wirtschaftskrise anrennen musste, stieg im jüngsten Quartal der Umsatz um sieben Prozent, der Gewinn verdoppelte sich sogar. Nun will Nike die WM nutzen, um im Fußball-Segment gegen Adidas zu punkten. Derzeit seien die Machtverhältnisse auf den Sportmärkten noch klar, weiß Dolleschal: In Europa liegt Adidas leicht vor Nike, in Asien liegen beide auf Augenhöhe, in den USA hat Nike die Nase vorn.

„Erhebliche ökonomische Langzeiteffekte“ erwartet Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel dagegen für Gastgeber Südafrika. Im Vergleich zur Wirtschaftsleistung sei das Investitionsvolumen im Zuge der Fußball-WM enorm: „In Schwellenländern sind solche Effekte noch nachhaltiger als in entwickelten Ländern.“ Die WM werde Katalysator für eine positive wirtschaftliche Entwicklung sein, daher sei auch eine Geldanlage in Südafrika „durchaus interessant“. 74 Milliarden Euro will Johannesburg bis 2014 noch in Projekte und Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur und zur Ankurbelung der Wirtschaft stecken. Ausgebaut werden sollen Zugverbindungen, die Wasser- und Energieversorgung und das Straßennetz. Die Deutsche Bank glaubt, dass der Wachstumseffekt der WM für die größte Volkswirtschaft Afrikas bei rund 0,5 Prozent liegen wird.

Südafrikas Aktienmarkt zählt zu den 20 größten und liquidesten der Erde. Am sinnvollsten ist hier wohl das Engagement in einen Fonds, wobei es kaum reine Südafrika-Fonds gibt. Zu nennen wäre beispielsweise der South Africa and Namibia Equity der Schweizer UBS, der mit sechs Prozent Ausgabeaufschlag und 1,8 Prozent jährlichen Gebühren jedoch sehr teuer ist. Daneben bietet sich ein Exchange Traded Fund (ETF), also ein börsennotierter passiver Indexfonds an. Lyxor, die ETF-Tochter der französischen Großbank Société Générale, hat etwa den South Africa JSE Top 40 im Programm, der in die 40 größten Werte der Johannesburg Stock Exchange investiert.

Wer an eine Spezialauswahl künftiger Sport-Profiteure glaubt, kann das „London 2012 Select“-Zertifikat kaufen, das bis zum 13. August 2012 läuft und auf jene Papiere setzt, denen die WestLB die größten Gewinne vor den nächsten Olympischen Spiele zutraut. Dazu zählen Intercontinental Hotels, British Airways oder das Wettunternehmen Sportingbet. Vorsicht jedoch: Zertifikate sind nicht gegen eine Pleite des Emittenten abgesichert.

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