AOK-Studie : Immer im Job – und immer öfter platt

Nach der Stechuhr sehnt sich kaum einer zurück. Doch mit der zunehmenden Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen kommen viele auch nicht mehr klar.

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Täglich Stress. Pendler leiden unter psychischen und körperlichen Belastungen.
Täglich Stress. Pendler leiden unter psychischen und körperlichen Belastungen.Foto: dpa

Berlin - Nach der Stechuhr sehnt sich kaum einer zurück. Doch mit der zunehmenden Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen kommen viele auch nicht mehr klar. Dass die steigende Zahl psychischer Erkrankungen in engem Zusammenhang mit modernen Berufsanforderungen wie ständiger Erreichbarkeit, unplanbaren Nacht- und Wochenendeinsätzen, häufigen Überstunden und wechselnden Arbeitsorten steht, belegt der aktuelle Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, der am Donnerstag in Berlin präsentiert wurde.

Der Befragung zufolge fühlt sich jeder fünfte Beschäftigte, der beruflich sehr flexibel sein muss, erschöpft und außerstande, richtig abschalten zu können. Arbeitnehmer, die Probleme mit der Abgrenzung von Arbeit und Freizeit haben, leiden mehr als doppelt so häufig unter seelischen Beschwerden. Und auch Beschäftigte mit langen Wegen zur Arbeit unterliegen einem 20 Prozent höherem Risiko, psychisch zu erkranken.

Solche Belastungen sind inzwischen eher die Regel als die Ausnahme. Von jedem zweiten Beschäftigten wird erwartet, auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein. Jeder dritte erhält am Feierabend dienstliche E-Mails und Anrufe oder leistet Überstunden. Zwölf Prozent nehmen Arbeit mit nach Hause, gut jeder zehnte beschäftigt sich damit auch sonn- und feiertags. Und 59 Prozent haben im vorigen Jahr trotz Krankheit gearbeitet.

Die Arbeitspsychologin und Mitherausgeberin der Studie, Antje Ducki, nennt dieses teils erzwungene, teils freiwillige Verhalten „interessierte Selbstgefährdung“. Besonders betroffen seien sogenannte Freelancer und Soloselbstständige, aber auch Zeitarbeiter und geringfügig Beschäftigte. Sie arbeiteten über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinaus, weil sie sich existenziell unsicher fühlten oder ganz besonders mit ihrem Job und ihrer Aufgabe identifizierten.

Als Gegenmittel empfiehlt Ducki „disziplinierte Selbstorganisation“, mehr Gesundheitsvorsorge sowie ständige Weiterbildung, um sich die Chance auf belastungsärmere Tätigkeiten zu eröffnen. AOK-Vorstand Uwe Deh forderte eine andere Unternehmenskultur mit klaren und verlässlichen Vereinbarungen. Denn auch für die Kassen und die Arbeitgeber geht die Kehrseite der Flexibilisierung richtig ins Geld. Seit 1994 stieg die Zahl psychischer Erkrankungen um 120 Prozent. Die Behandlungskosten beliefen sich 2011 nur für die AOK auf 9,5 Milliarden Euro. Und allein die Diagnose Burn-out produzierte im vergangenen Jahr gut 2,7 Millionen Fehltage. Rainer Woratschka

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