Wirtschaft : AOL Time Warner macht Rekordverlust

kk/siri/HB

Der weltgrößte Medienkonzern AOL Time Warner hat mit 54,2 Milliarden Dollar (rund 60,7 Milliarden Euro) im ersten Quartal einen Rekordverlust eingefahren. Das Ergebnis lag zwar leicht über den Erwartungen der Analysten. Aber AOL Time Warner korrigierte seine Prognosen für das gesamte Jahr nach unten. Der hohe Verlust lag vor allem an der Abschreibung in Höhe von 54 Milliarden Dollar, die das Unternehmen für den Unterschied zwischen gezahltem Kaufpreis und tatsächlichem Wert (Goodwill-Abschreibung, siehe Lexikon ) für die Übernahme von Time Warner vornehmen musste. Es war eine der höchsten Abschreibungen in der Geschichte des US-Unternehmens.

Damit hat Richard Parsons, der im Mai den Vorstandsvorsitz übernimmt, keinen einfachen Job vor sich: Die Kombination des Internetunternehmens AOL mit dem klassischen Medien- und Kabelkonzern Time Warner konnten Umsatz und Gewinne nicht so beflügeln, wie es AOL-Chef Steve Case und Time Warner-Chef Gerald Levin den Investoren zum Zeitpunkt der Übernahme prophezeit haben. Seit Bekanntgabe der Fusion im Januar 2000 hat das Gemeinschaftsunternehmen zwei Drittel seines Börsenwerts verloren.

Vor allem das Online-Geschäft lahmt, so dass sich mancher Investor schon wieder eine Aufspaltung der beiden Unternehmen wünscht. AOL ist zwar nach wie vor mit 35 Millionen Abonnenten der größte Internet-Zugangsanbieter. Doch die Werbung bleibt aus und der Umsatz pro Abonnent fiel im Jahr 2001 um sechs Prozent. Und nur wenige Kunden haben ihren Internetzugang auf den schnelleren Breitbanddienst umgestellt. Noch kommen 67 Prozent des Umsatzes von Kunden, die sich per Telefonleitung ins Internet einwählen.

Der Markt für Einwahldienste ist gesättigt - wenn AOL sich künftig gegen die Konkurrenten Yahoo und MSN durchsetzen will, muss der Konzern schnell eine Breitbandstrategie vorweisen. "Hier hinkt AOL wirklich hinterher", sagt Charlene Li, Analystin beim Marktbeobachter Forrester Research. Kunden mit Breitband-Internetzugang sind wichtig, um Synergien zu realisieren und etwa Time-Warner-Filme auch über das Internet anbieten zu können. "Und für die Werbekunden sind die finanziell meist besser gestellten Breitbandkunden ohnehin interessanter", sagt Analystin Li.

Dennoch hält Li eine Abspaltung von AOL für Unsinn. "Die 35 Millionen Abonnenten von AOL haben enormen Wert - das ist so leicht nicht nachzumachen." Tatsächlich zeigen sich erste Synergieeffekte: So klickten im März 5,9 Millionen Nutzer auf die Web-Seite des US-Magazins Time. Zwei Jahre zuvor waren es nach Angaben des Marktbeobachters Jupiter Media Metrix noch eine Million gewesen. Die Nutzer glotzten nicht nur, sondern kauften: Time Inc. gibt an, dass der Internet-Auftritt den zur Time-Gruppe gehörenden Magazinen monatlich 100 000 neue Abonnenten bringt. Allerdings: "Wir haben gelernt, dass all das viel länger dauert als erwartet", sagt Lowell Singer, Analyst beim Investmenthaus Robertson Stephens.

Um AOL auf die Beine zu helfen, wurde erst vor zwei Wochen der Vorstand für das tägliche Geschäft (COO) Robert Pittman als Retter in der Not zu AOL zurück geschickt.Pittman hatte vor der Fusion mit Time Warner schon als COO von AOL gearbeitet. Beobachter rechnen auch damit, dass Steve Case eine aktivere Rolle übernehmen wird, sobald Gerald Levin sich im Mai verabschiedet. In einem Interview mit dem Wall Street Journal hat Case zwar nicht direkt Differenzen mit Levin bestätigt. Aber er sagte, dass er mit einer einfacheren Beziehung zu dem neuen Vorstandschef Parsons rechne.

Den Investoren werden neue Manager alleine nicht ausreichen. Sie wollen auch verständlichere Bilanzen sehen. So gibt das Unternehmen zum Beispiel keine Prognosen für die einzelnen Geschäftsbereiche ab. Zudem kritisiert Analystin Reif Cohen, dass die geplanten Restrukturierungen verschiedener Partnerschaften zu Gewinn-Einbußen führen können. Die Newhouse-Familie will sich vielleicht aus einem Kabel-Joint-Venture zurückziehen. Damit könnte AOL Time Warner zwei Millionen Abonnenten auf einen Schlag verlieren. Außerdem hat AOL Europe, dessen Bertelsmann-Anteile (50 Prozent) AOL Time Warner übernehmen wird, mehr Schulden als erwartet.

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