Wirtschaft : AOL will Netscape schlucken

NEW YORK (pf/AP).Der führende kommerzielle Informationsdienst America Online (AOL), der seinen Kunden den Zugang zum Internet anbietet, verhandelt mit der Firma Netscape Communications Corporation über eine Fusion.Beide Konzerne bestätigten am Montag entsprechende Presseberichte.Eine Einigung gebe es allerdings noch nicht.Gleichzeitig laufen nach Branchenberichten Gespräche mit Sun Microsystems über eine Kooperation im Marketing.AOL und Netscape haben im Internet Pionierarbeit geleistet.Bei einem möglichen Zusammenschluß nach dem steuerlich begünstigten Modell der Interessenzusammenführung (pooling of interests) soll Netscape zufolge jeder Netscape-Aktionär für einen Anteil des Softwarehauses 0,45 Anteile an AOL erhalten.Keinen Kommentar gaben AOL und Netscape zu Zeitungsinformationen, wonach die Fusion rund vier Mrd.Dollar (6,7 Mrd.DM) wert wäre.Der Preis würde über Netscapes derzeitigem Börsenwert von vier Mrd.Dollar liegen.Einbegriffen in dem Kauf wäre Netscapes beliebtes Browser-Programm Netscape Navigator.Diese Software ermöglicht das "Durchblättern" des World Wide Web (WWW) und den blitzschnellen Nachrichtenaustausch über elektronische Post (e-mail).

Netscapes größter Konkurrent ist Microsofts Internet Explorer.Das Marketingabkommen mit Sun soll dazu dienen, Netscapes andere Aktivitäten zu stärken, vor allem den Bereich der Unternehmenssoftware, die die Nutzung der Webseiten und Internettechnologien durch gleichzeitig tausende von Benutzern ermöglicht.Die Netscape-Übernahme würde drei Geschäftsbereiche an der Frontlinie der modernen Wirtschaft zusammenbringen: Online-Dienste, Internetsoftware und elektronischer Kommerz.Zwei Microsoft-Rivalen, AOL und Sun, würden aus der Union gestärkt hervorgehen.Andererseits würde Netscape, einst Microsofts schärfster Herausforderer der domininierenden Stellung Microsofts auf dem PC-Softwaremarkt, seine Unabhängigkeit verlieren.

1994 gegründet, führt Netscape seit 18 Monaten einen zermürbenden Kampf gegen Microsoft.Netscape Navigator galt als unschlagbare Browser-Software, bis Microsoft mit seinem Explorer zum Gegenschlag ausholte und das Produkt gebündelt mit dem Betriebsprogramm Windows auf den Markt brachte.Da Windows im PC-Markt praktisch ein Monopol hat, mußte Netscape seinen Browser ebenfalls kostenlos anbieten.Anfang des Jahres war die kalifornische Firma gezwungen, Mitarbeiter zu entlassen.AOL, die mit 14 Millionen zahlenden Kunden größte Online-Mediengesellschaft, glaubt mit ihrer Erfahrung den Umsatz von Netscapes Web-Seite steigern zu können und mit Hilfe von Suns Programmierern und seiner umfassenden Vertriebsorganisation Netscapes Softwareverkäufe zu beschleunigen.Suns Version des Unix-Betriebsprogramms, Solaris, gilt als erstklassig für leistungsfähige Großrechner, die Netscapes Server-Software benutzen.Zusammen hatten die drei Unternehmen im vergangenen Jahr 12,4 Mrd.Dollar Umsatz.

Es ist offen, ob und welche Auswirkungen das Dreiergeschäft auf das gegen Microsoft anhängige Antitrustverfahren haben wird.Die Regierung in Washington wirft dem Konzern vor, seine Vormachtstellung bei den Betriebssystemen mißbraucht zu haben, um auch auf dem Markt der Internet-Navigationsprogramme den bisher führenden Anbieter Netscape zu verdrängen.Mitarbeiter von AOL, Netscape und Sun treten in dem Kartellprozeß gegen Microsoft als Zeugen der Regierung auf.Microsoft verteidigt sich unter anderem damit, daß es in dieser sich schnell verändernden Branche ständig zu neuen Allianzen zwischen den verschiedenen Unternehmen kommt.Der Deal zwischen AOL, Netscape und Sun könnte Microsoft zuspielen.

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