Wirtschaft : AOL will Nummer eins der Online-Dienste werden

Compuserve-Übernahme perfekt / Bertelsmann investiert 100 Mill.DM / Microsoft: EU-Wettbewerbshüter akzeptieren "Internet Explorer" MÜNCHEN/DAVOS (tmh/dpa).Die Übernahme des Onlinedienstes Compuserve durch den Konkurrenten AOL ist besiegelt.Nach Angaben des Chefs von AOL International, Jack Davies, wurden die Verträge in der Nacht zum Montag unterzeichnet.Unterdessen bezeichnete der Chef des Softwareriesen Microsoft, Bill Gates, in Davos die Ausseinandersetzungen zwischen seinem Unternehmen und dem US-Justizministerium als "kurzes Zwischenspiel".In dem Wettbewerbsstreit geht es um die Frage, ob Microsoft seine Software "Internet Explorer" mit seinem Betriebssystem Windows in einem Bündel verkaufen darf. Nach der Compuserve-Übernahme hat die AOL Bertelsmann Online Europa GmbH, Baar/Schweiz, auf dem heimischen Markt nur noch einen ernsthaften Konkurrenten, den Marktführer Deutsche Telekom.So eröffnete der Vorstand der Bertelsmann AG, Bernd Schiphorst, am Montag in München denn auch den Kampf um die Vorherrschaft der Online-Dienste mit dem Satz: "Wir wollen die Nummer eins werden." Wann T-Online von der Spitze verdrängt sein soll, wollte Schiphorst aber nicht vorhersagen. Da T-Online mit seinen 1,9 Mill.Kunden auf Deutschland beschränkt ist, bezeichnet sich AOL Bertelsmann mit 1,8 Mill.Anschlüssen schon jetzt als der führende paneuropäische Online-Dienst.Knapp die Hälfte dazu steuert Compuserve bei, das als Marke und eigenständiges Unternehmen erhalten bleiben soll.Der Branchenpionier fungiere auch als Türöffner für viele europäische Märkte, in denen AOL bislang nicht vertreten war. Im Rahmen einer europaweiten Zwei- Marken-Strategie bearbeite AOL Bertelsmann als Dienst "für die ganze Familie" weiter den Massenmarkt, erläuterte Schiphorst.Compuserve werde sich verstärkt auf professionelle Anwender konzentrieren.Beide Dienste sollen durch verstärktes Marketing sowie neue Inhalte "sprunghaft" wachsen und bald über zwei Millionen Kunden haben."Wir brauchen eine kritische Masse," sagte der Bertelsmann-Manager mit Blick auf die zu geringe Online-Durchdringung deutscher Haushalte. Zuständig für die beiden Marken ist Heinz Wermelinger, Präsident des Joint-venture.Chef von Compuserve Europa wurde Konrad Hilbers, bisher Vizepräsident von AOL Bertelsmann Europa.AOL und Bertelsmann kündigten die Entwicklung einer neuen Zugangssoftware für Compuserve an.Sie soll den "Erwartungen an einen qualitativ hochwertigen Onlinedienst gerecht" werden und zugleich neue Funktionen zur Erhöhung des Nutzwertes von Compuserve bieten. Die Übernahme von Compuserve unter dem Dach von AOL Bertelsmann sei eine wichtige Weichenstellung für die Internet-Industrie, von der insbesondere alle Sparten des Bertelsmann-Konzerns profitieren, hofft Schiphorst.In puncto Online gebe es "demnächst Ankündigungen" für die Konzernbereiche Buch und Musik, die mit Internetangeboten aufwarten sollen.Der TV-Bereich ist mit RTL und Premiere schon online.Im Frankreich kooperiere man dabei seit kurzem mit dem Sender Canal Plus.Online ist in der Printsparte auch der Bertelsmann-Verlag Gruner und Jahr.Neue Felder sollen zudem im Ausland bestellt werden.Im Online-Geschäft halte Bertelsmann derzeit intensiv Ausschau in Australien und Asien, sagte Schiphorst. Den Einstieg bei Compuserve hat sich der Konzern rund 100 Mill.Dollar kosten lassen.Als Ausgleich für den Erwerb von 50 Prozent der europäischen Compuserve-Gesellschaften bezahlte Bertelsmann rund 136,5 Mill.DM (75 Mill.US-Dollar) an AOL.Beide Unternehmen wollen jeweils etwa 45,5 Mill.DM (25 Mill.US-Dollar) in ihr Joint-venture AOL Bertelsmann Europa investieren.Von dessen Unternehmenssitz in Baar (Schweiz) aus werden die Geschäfte von AOL und Compuserve gesteuert. AOL ist der weltgrößte Online-Dienst mit elf Mill.Kunden, davon zehn Mill.in den USA.In Europa setzt AOL Bertelsmann nach eigenen Angaben mit rund 1000 Mitarbeitern 600 bis 700 Mill.DM um und peilt 1998 die Gewinnschwelle an.Über möglichen Personalabbau bei Compuserve (400 Mitarbeiter) ist noch nicht entschieden. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos klagte Microsoftchef Bill Gates, sein Streit mit der US-Justizbehörde "erhält mehr Aufmerksamkeit, als er verdient".Das Justizministerium wirft Gates vor, die Vormachtstellung von Microsoft bei den Betriebssystemen für Computer mit unzulässigen Methoden auch auf das Gebiet der Internet-Software ausdehnen zu wollen.Gates führte in Davos an, mit den Wettbewerbsbehörden der Europäischen Union sei das Verhältnis noch immer problemlos.EU-Kommissionspräsident "Jacques Santer ist ein Kunde - die EU nutzt unsere Software".Dem Ruf des Unternehmens habe die Auseinandersetzung nicht geschadet, sagte Gates; Microsoft sei nach Umfragen "die am meisten bewunderte Firma in den USA". Gates erklärte ferner, Microsoft werde seinen Aktienanteil von "etwa drei Prozent" am US-Computerhersteller Apple nicht erhöhen.Ziel des Engagements sei ein Bekenntnis zur Entwicklung weiterer Software für Apple gewesen, das sei erreicht worden.

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