Wirtschaft : Appetit vergangen

Aus Angst vor dem Gammelfleisch machen jetzt viele Berliner einen Bogen um Döner-Läden

Sabine Beikler,Christian van Lessen

Berlin - Muhsin Yildrim vom „Saray Grill“ in den Potsdamer-Platz-Arkaden blickt am Samstagmittag betrübt auf seinen Imbissstand und den Döner-Spieß. Die Einkaufspassage ist voll, aber er profitiert davon wenig. „Um diese Zeit müsste schon die Hälfte des Spießes weg sein“, stellt er fest. Sonst sei hier die Hölle los, aber jetzt fragten die Kunden dauernd, wie alt sein Fleisch sei. Er könne nur immer wieder versichern, dass es absolut frisch zubereitet sei, aus reinem Kalb bestehe und nicht aus Bayern, sondern aus Holland stamme, wo es billiger sei.

Bayerisches Fleisch steht bei Verbrauchern derzeit nicht hoch im Kurs. Nachdem in den vergangenen Tagen 80 Tonnen überlagertes Gammelfleisch beschlagnahmt worden waren, sind die Kunden vorsichtig geworden. Zumindest, wenn es um Döner geht. Denn ein Großteil der Ware – das weiß man – ist an Döner-Läden und Asia-Imbisse geliefert worden.

Beim benachbarten Imbissstand von Wolf hat man dagegen von Umsatzeinbußen nichts gemerkt. „Alles aus eigener Produktion“, versichert eine Verkäuferin einem Kunden. Auch beim Kaiser’s-Supermarkt und bei Bolle an der Potsdamer Straße will man keinen nachlassendem Fleischverkauf festgestellt haben. Die Kunden an der Fleischtheke sagen, sie hätten Vertrauen in die Ware. Bolle-Geschäftsführer Sulaf Ahmed betont, dass bei ihm „hundertprozentig kein tiefgekühltes Fleisch“ verkauft wird, dass die Ware täglich frisch ist. Nach drei Tagen sehe man bei Frischfleisch ohnehin, ob es noch gut sei. Die Kontrollen bei Fleischproduzenten müssten allerdings verstärkt werden, meint Ahmed.

In Berlin gibt es bisher „keine Erkenntnisse“ über Gammelfleischlieferungen aus Bayern, sagte Roswitha Steinbrenner, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung, dem Tagesspiegel am Sonntag. Nach einer Vereinbarung der zuständigen Fachministerien der Länder werde Berlin vom bayerischen Verbraucherschutzministerium dann informiert, sobald auf Lieferlisten auch Berliner Unternehmen stünden.

Nach Informationen des Tagesspiegel am Sonntag haben die bayerischen Behörden am Freitag entsprechende Listen verschickt, allerdings nicht nach Berlin. Direkte Kundenbeziehungen scheint es daher zwischen Berliner Firmen und dem Münchner Gammelfleischhändler nicht gegeben zu haben.

„Es wäre unsinnig, beliebige Kontrollen durchzuführen. Sobald wir von einem Betrieb wissen, dem Fleisch geliefert worden ist, würden wir uns mit ihm umgehend in Verbindung setzen“, sagte Steinbrenner. Sie rät Verbrauchern aber, grundsätzlich auf die Qualität zu achten, bei Dönerläden auf die Sauberkeit der Imbisse. „Sollte es zu Beanstandungen kommen, sollte man sich mit dem bezirklichen Veterinärs- oder Aufsichtsamt in Verbindung setzen.“

In Berlin prüfen 70 Lebensmittelkontrolleure und sieben Handelsklassenkontrolleure Nahrungsmittel wie Fleisch- und Wurstwaren. Sie sind im Auftrag der bezirklichen Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämter unterwegs und führen alle gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen durch. 49 000 Nahrungsmittelbetriebe wie Schlachtereien, Restaurants, Kioske gibt es in Berlin.

Die „Kontrollfrequenz“ in den Betrieben ist abhängig von eigenen Kontrollsystemen, dem Produkt und auch davon, ob in Betrieben schon einmal Waren beanstandet worden sind. In einigen hackfleischverarbeitenden Betrieben – zum Beispiel in solchen, die Babynahrung oder Hackfleisch herstellen – wird sogar täglich kontrolliert.

Auch der Dönerproduktionsbetrieb Önyil in Moabit bekommt einmal am Tag Besuch von Kontrolleuren, obwohl dort ein eigener Fleischermeister beschäftigt ist. „Wir produzieren täglich 1,5 Tonnen Döner“, sagt Inhaber Atasever Sir, zugleich Vorsitzender von ATDID, dem Verein türkischer Dönerhersteller in Europa. Der neueste Gammelfleischskandal sei „unglaublich“ und schade dem Ruf der Dönerproduzenten. Ein Auftragseinbruch sei aber derzeit noch nicht zu verzeichnen. Sir kritisiert die bayerischen Behörden: „Die Kontrollen scheinen nicht regelmäßig durchgeführt worden zu sein, sonst wären doch die Mängel festgestellt worden.“ Die Dönerproduzenten erhalten ihr Fleisch aus dem In- und Ausland. Der Dönermarkt sei „hart umkämpft“ – und Geschäftsleuten, die mit minderer Fleischqualität Profit machen wollen, könne man nur durch regelmäßige Kontrollen auf die Schliche kommen.

Das findet auch der Besitzer des „Durak“-Imbisses in der Potsdamer Straße. Er verkauft Chicken-Döner und hat nach eigenen Angaben keine Umatzeinbußen. Aber auch er sagt, die Kontrollen bei den Produzenten müssten schärfer sein. Er könne sich bislang nur auf die Angaben der Hersteller verlassen und selbst nicht nachprüfen, was in dem Fleisch enthalten ist.

Viele Verbraucher sind verunsichert. Doris Kosky sagt, sie habe heute Fleisch kaufen wollen, sich dann aber für eine Gemüsepfanne entschieden. Raymond Raphael sagt, er wolle Fleisch nur noch vom Wochenmarkt kaufen.

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