Wirtschaft : „Arbeit auf mehr Leute verteilen“

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Herr Kromphardt, immer weniger Leute haben eine Stelle, zugleich arbeiten die Beschäftigten immer länger. Wie passt das zusammen?

Das ist kein Gegensatz. Die Zahl der benötigten Arbeitsstunden in den Unternehmen sinkt, und zugleich steigt die Produktivität der dort Beschäftigten leicht an. Zusätzlich verlangen derzeit viele Betriebe von ihren Belegschaften längere Arbeitszeiten – deshalb werden einige der bislang Beschäftigten überflüssig.

Die Gewerkschaften fordern schon lange kürzere Arbeitszeiten, damit mehr Leute einen Job finden.

Die These, dass man die vorhandene Arbeit auf mehr Schultern verteilen muss, ist offenbar nicht abwegig. Das zeigen die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes ja.

Wird die Beschäftigung weiter absinken?

Vorerst ja, denn viele Firmen verhandeln noch mit ihren Mitarbeitern über Mehrarbeit. Ich hoffe, dass der Widerstand dagegen jetzt größer wird. Den Arbeitslosen tut man keinen Gefallen, wenn man diejenigen, die eine Stelle haben, noch länger arbeiten lässt. Wer einen Job sucht, hat deshalb immer schlechtere Chancen.

Die Wirtschaft wächst 2004 doch um zwei Prozent – bringt das keine neuen Stellen?

Die Schwelle, ab der neue Jobs entstehen, liegt bei knapp zwei Prozent Wirtschaftswachstum. Das haben wir noch nicht erreicht. Erst 2005 wird der starke Export auf die Binnennachfrage durchschlagen und das Wachstum über die Zwei-Prozent-Marke heben. Das sorgt dann für mehr Beschäftigung – aber nur, wenn es keine weiteren Arbeitszeitverlängerungen auf breiter Front gibt.

Müssen die Gewerkschaften jetzt mehr Widerstand gegen Mehrarbeit leisten?

Die Gewerkschaften haben ja nur zähneknirschend unter starkem Druck zugestimmt. Sie sollten ihren Widerstand dagegen jetzt verstärken. Wir brauchen aber keine generelle Arbeitszeitverkürzung, sondern mehr Flexibilität und Teilzeitjobs. Die Firmen und die öffentliche Verwaltung bremsen noch zu sehr. Teilzeitarbeit würde bei mittelmäßig qualifizierten Leuten, um die sich die Wirtschaft nicht gerade reißt, die Gefahr der Arbeitslosigkeit verringern. Dagegen könnten Hochqualifizierte weiter Vollzeit arbeiten.

Die Fragen stellte Carsten Brönstrup.

Jürgen Kromphardt ist Wirtschaftsprofessor an der TU Berlin und war bis zum Frühjahr Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

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