Arbeit der Zukunft : Weniger Routine – mehr Weiterbildung

Arbeitsministerin Andrea Nahles glaubt, die Arbeitswelt 4.0 kann das Leben der Menschen erleichtern. Das geht aber nicht von selbst.

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Das Wort «Arbeit» aufgenommen bei der Arbeitnehmerkonferenz der SPD in Bielefeld.
Das Wort «Arbeit» aufgenommen bei der Arbeitnehmerkonferenz der SPD in Bielefeld.Foto: dpa

Immer diese Prophezeiungen vom Ende der Arbeit! Andrea Nahles hält nicht viel davon. Immerhin existiere diese Angst seit Erfindung des Webstuhls. Im Weißbuch „Arbeiten 4.0.“ geht die Bundesarbeitsministerin (SPD) im Szenario einer beschleunigten Digitalisierung davon aus, dass hierzulande zwar 750 000 Arbeitsplätze wegen der Digitalisierung wegfallen könnten; es würden aber auch eine Million neue Stellen entstehen. Wenn auch in anderen Branchen.

Wer am Fließband arbeitet, einen Gabelstapler durch die Fabrikhalle fährt oder einfache Verwaltungsarbeiten ausübt, kann in Zukunft durchaus von einem Computer oder Roboter ersetzt werden. Das ist in so manchen Unternehmen bereits Realität. Gleichzeitig wird es Gewinner des digitalen Wandels geben: Programmierer, Datenwissenschaftler – und jene, die ihr Geld mit Fähigkeiten verdienen, die eine Maschine nicht so schnell übernehmen kann. Wie beispielsweise Zahnärzte. Oder Schauspieler.

Keine Routine, keine Anstrengungen

Selbst wenn es in Deutschland nicht zu einer Massenarbeitslosigkeit kommt, wie Zukunftspessimisten immer mal wieder behaupten, könnte es dennoch zu einer weiteren Lohnpolarisierung kommen. Falls nämlich Roboter vor allem einfache Aufgaben übernehmen, würden vor allem Jobs von Niedrigqualifizierten überflüssig werden – während Hochqualifizierte von den steigenden Anforderungen profitieren.

Zur Zusammenarbeit von Mensch und Maschine heißt es im Weißbuch des Arbeitsministeriums, dass momentan eine „neue Robotergeneration“ entstünde. Wurden früher mithilfe von Robotern vor allem grobe Produktionsschritte automatisiert, würden die neuesten Industrieroboter in der Lage sein, auch feinmotorische Aufgaben zu übernehmen. Dabei würden sie direkt mit ihren menschlichen Kollegen interagieren. Ärzte haben bereits digitale Helfer, Pfleger bald womöglich auch.

Der Mensch wird also in Zukunft womöglich auf Routinearbeiten und körperlich anstrengende Tätigkeiten verzichten. Die Entlastung könnte laut Nahles der „Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben“ nutzen. Außerdem würden neue Möglichkeiten der Teilhabe am Arbeitsplatz entstehen, weil die Assistenten Mitarbeitern mit körperlichen oder sensorischen Einschränkungen helfen würden. Ältere könnten so zum Beispiel länger und gesünder arbeiten.

Leistungen permanent überprüfen

Der Roboter als Kollege birgt aber durchaus auch Gefahren: Komplexe Tätigkeiten könnten immer mehr standardisiert werden. Der Mensch würde seinen neuen Freiraum vielleicht gar nicht so sehr nutzen können, um kreativer zu arbeiten, weil er die Maschine eventuell permanent überwachen muss. Und: Je vernetzter Mensch und Maschine zusammenarbeiten, desto leichter könnten die Leistungen und das Arbeitsverhalten der Mitarbeiter vom Arbeitgeber dokumentiert und überprüft werden.

Weil die Arbeitswelt trotz aller Risiken immer technischer wird, gewinnen Weiterbildungen an Bedeutung. Computerbasierte, technologische Fähigkeiten werden zu Grundqualifikationen. Ganz gleich wie alt Mitarbeiter sind. Deshalb fordert die Arbeitsministerin ein Recht auf Weiterbildung. „Wir wollen, dass jeder Arbeitnehmer finanzierte Zeit für Qualifikation bekommt“, sagte sie kürzlich. Anders sei die künftige Arbeitswelt nicht zu meistern.

In diesem Kontext soll die Bundesagentur für Arbeit künftig auch Beschäftigte bei der Qualifizierung beraten. Nicht nur jene, die derzeit keine Arbeitsstelle haben. Wenn das Risiko in Zukunft zunehme, dass Wissen veralte und lebenslanges Lernen zur Notwendigkeit wird, müsse die Arbeitslosenversicherung außerdem zu einer Arbeitsversicherung werden. Eine weitere Idee von Nahles: Ein Erwerbstätigkeitskonto soll sowohl Qualifizierung als auch Flexibilität fördern. Jeder Beschäftigte bekäme zu Beginn seines Arbeitslebens ein Startguthaben, mit dem Weiterbildungsphasen oder familiär bedingte Auszeiten finanziert werden könnten. Woher das Geld dafür kommen soll, hat Nahles bislang noch nicht erklärt.

Wie die Digitalisierung die deutsche Arbeitswelt genau umkrempeln wird, auch das kann momentan nur vermutet werden. Verändern wird sie sich – aber das tat sie ja schon oft. Vor gut hundert Jahren waren 40 Prozent der Deutschen Landwirte. Heute arbeiten in der Branche nur noch zwei Prozent, mit Melkrobotern.

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