Wirtschaft : Arbeit für Amerika

Matthias B. Krause

New York - Wenn John Kerry an diese Stelle seiner Wahlkampfrede kommt, wird er immer besonders energisch. Bietet sie dem Herausforderer von US-Präsident George W. Bush doch die Gelegenheit, endlich einmal so etwas wie Emotionen zu zeigen. 2,7 Millionen Jobs seien seit 2001 verloren gegangen, wettert Kerry dann. Und weiter: „Bush unterstützt Steuererleichterungen für Firmen, die ihren Sitz nach Übersee verlagern.“ Er verspricht: „Ich werde die arbeitsplatzvernichtenden Schlupflöcher schließen.“

Die Wirtschaft ist die schwache Flanke Bushs. Er ist der erste Präsident seit den 30er Jahren, in dessen Amtszeit die Zahl der Jobs gesunken ist. Zudem lässt seine Wirtschaftspolitik keine klare Strategie erkennen: Einerseits gibt er sich als Verfechter des Freihandels, andererseits versucht er, die US-Stahlindustrie und die Farmer durch Zölle zu schützen.

Doch entgegen der Wahlkampfpolemik ist das Outsourcing oder Offshoring, das mittlerweile auch bei IT-Firmen immer populärer wird, nur ein kleiner Teil des Problems. Nach den jüngsten Erhebungen des Arbeitsministeriums betrug der Anteil der Jobs, der außerhalb der US-Grenzen verlegt wurde, am Gesamtverlust der Arbeitsplätze nur zwischen einem und zwei Prozent. „Wir dürfen die Bedeutung des Outsourcings nicht übertreiben“, warnte denn auch der Vize-Chef der Federal Reserve Bank, Roger Ferguson, diese Woche in Washington. „Die angemessene Antwort auf das Problem ist nicht, den Handel zu verringern, sondern den betroffenen Arbeitern zu helfen.“

Das Thema taugt auch deshalb gut für den Wahlkampf, weil es hoch emotional ist. Die US-Gewerkschaften gehen seit Monaten auf die Barrikaden, und die Politiker greifen die Wut dankbar auf. Der Bundesstaat Indiana etwa sah sich jetzt gezwungen, einen 15-Millionen-Dollar-Vertrag mit einer indischen Firma über IT-Dienstleistungen zu stornieren, nachdem die Protestwellen zu hoch schlugen.

Ein anderer Effekt des Verlagerungsdrucks ist indes noch unbeachtet geblieben. Einer Studie des Forrester Research Instituts zufolge steigen die Löhne im Inland nur noch langsam. „Outsourcing hat den Spielraum der Arbeiter eingeengt, sich für höhere Löhne einzusetzen“, sagt Forrester-Analyst Andrew Bartels. Der beste Schutz dagegen, durch die Job-Verlagerung in Billigländer arbeitslos zu werden, ist übrigens eine gute Ausbildung, darin sind sich die Experten einig. Doch solche Langfrist-Strategien taugen nicht für knackige Wahlkampf-Reden – das wissen beide Kandidaten.

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