Wirtschaft : Arbeit für Hennigsdorf

Der Verkehrskonzern Bombardier rechnet mit „der größten Bestellung der Straßenbahngeschichte“. Wert: eine halbe Milliarde Euro

Rainer W. During

Berlin - Der Schienentechnikkonzern Bombardier steht kurz vor einem millionenschweren Großauftrag für das Werk in Hennigsdorf bei Berlin. Bombardier-Präsident André Navarri sagte am Mittwoch auf der Eisenbahnmesse Innotrans, er sei „absolut zuversichtlich“, dass sein Unternehmen den Zuschlag bekomme. Potenzieller Besteller sind die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Die bis Sonntag dauernde Innotrans ist das wichtigste Branchentreffen des Jahres.

Fest bestellt seit Anfang September sind vier Prototypen neuer Straßenbahnen für die Hauptstadt. Sie sollen ab 2008 erprobt werden, danach will sich die BVG für einen Lieferanten entscheiden. Navarri war sich sicher, den Zuschlag für den Bau von 206 weiteren Straßenbahnen zu erhalten. Dies wäre mit einem Volumen von rund einer halben Milliarde Euro „die wahrscheinlich größte Bestellung der Straßenbahngeschichte“.

Nach der Vorfertigung in Bautzen sollen die Straßenbahnen der erfolgreichen Flexity-Familie im Hennigsdorfer Bombardier-Werk mit 1800 Beschäftigten endmontiert werden. Ab 2010 könnte die Serienproduktion beginnen, pro Jahr würde Bombardier 20 Tramexemplare fertig stellen. Die BVG erklärte, die Bestellung des Prototyps bedeute noch keine endgültige Entscheidung.

Bombardier stellte auf der Innotrans weitere Neuheiten vor – etwa die erste dieselelektrische Lokomotive der Traxx-Familie. Sie kann sowohl Gleichstrom- wie auch Wechselstromnetze nutzen und komplettiert die Produktreihe. Damit sei „das Unternehmen der einzige Anbieter einer vollständigen Lokomotivfamilie auf dem Weltmarkt“, sagte Wolfgang Tölsner, Chief Operating Officer von Bombardier Transportation. Elf Fahrzeuge wurden bereits von der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen zur Auslieferung ab Ende 2007 bestellt. Zehn weitere Loks hat das Leasingunternehmen CB Rail geordert.

Ebenfalls vorgestellt wurde ein neues System zur Wartung von Zügen. Experten in der Leitstelle des jeweiligen Betreibers können Betriebsdaten in Echtzeit abfragen und mit der globalen Flottendatenbank des Herstellers abgleichen. So lassen sich Probleme bereits identifizieren, bevor sie auftreten. In die Entwicklung sind Erfahrungen der Luftfahrtindustrie eingeflossen.

Nach zweijährigem Umstrukturierungsprozess mit der Schließung von sieben Standorten und dem Abbau von 7700 Arbeitsplätzen habe Bombardier Transportation die Wende geschafft und befinde sich wieder auf Wachstumskurs, sagte Konzernchef Navarri. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg innerhalb eines Jahres von 2,6 auf 3,7 Prozent, bei einem Umsatz von 1,6 Milliarden Dollar im abgelaufenen Quartal. Der Auftragsbestand liegt bei 22,2 Milliarden Dollar. Gemessen am Auftragseingang der Bahnindustrie in den Jahren 2003 bis 2005 ist Bombardier mit einem Anteil von 21 Prozent Weltmarktführer.

Navarri geht von einer weiteren Konsolidierung des Herstellermarktes aus, bei dem kleinere Firmen langfristig auf der Strecke bleiben werden. Ähnlich wie in der Luftfahrtbranche werde es auf dem Bahnsektor nur wenige Großfirmen geben. Nur große Firmen seien in der Lage, innovative Produkte auf den Markt zu bringen, sagte der Manager.

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