Arbeit im Wandel : Ochsentour

Bessere Arbeitsbedingungen, mehr Freizeit, mehr Rechte: Wie sich die Arbeitswelt in der jüngsten Vergangenheit zum Guten gewandelt hat.

Benjamin Haerdle
Deutschland 1956. Eine Bauersfrau pflügt mit Hilfe eines Ochsengespanns den Acker.
Deutschland 1956. Eine Bauersfrau pflügt mit Hilfe eines Ochsengespanns den Acker.Foto: picture-alliance / dpa

Die Arbeitswelt der Zukunft verspricht in der Regel nichts Gutes. In den Medien, im Bekannten- und Freundeskreis, aus eigener Erfahrung weiß man, unter welchen Bedingungen sich die Menschen schon heutzutage ihr Geld verdienen. Immer mehr Aufgaben, mehr Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit, viel Stress, Burnout als Folge von Überforderung. Außerdem die unsicheren Verträge. Gerade junge Mitarbeiter hangeln sich oft von einem befristeten Arbeitsverhältnis zum nächsten. Wie soll das nur weitergehen?

Es gerät dabei leicht in Vergessenheit, dass sich in den vergangenen 60 Jahren auch vieles zum Guten gewandelt hat, sagt der Historiker Jürgen Kocka. Neulich wurde ihm das selbst wieder einmal bewusst, als bei ihm 2000 Bücher abgeholt wurden. „Für die Lieferanten war das kaum mit körperlicher Arbeit verbunden. Sie luden die Bücher mit halbautomatisierten Hebewerkzeugen ins Auto“, erklärt der emeritierte Geschichtsprofessor der Freien Universität (FU) Berlin. „Der technische Wandel und der organisatorische Fortschritt haben dem Menschen die Arbeit sehr erleichtert“, weiß er.

Zum Beispiel die Arbeitszeiten. In den 50er Jahren waren in der Metall- und Elektroindustrie 48 Stunden Arbeitszeit verteilt auf sechs Tage normal – auch für die Arbeiter in der Stahl- und Eisenindustrie, die an den Hochöfen schufteten oder unter Tage Kohle förderten. Das waren Knochenjobs mit hohen gesundheitlichen Belastungen. Gerade für sie war es ein Meilenstein in der Geschichte des Arbeitskampfes als die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung sich langsam durchsetzte.

Samstags gehört Papi mir

In den 60er Jahren kämpften die Gewerkschaften mit der Kampagne „Samstags gehört Papi mir“ erfolgreich für die 40 Stunden-Woche und damit für den arbeitsfreien Samstag. In den Jahrzehnten darauf schrumpfte die Arbeitszeit in manchen Branchen gar auf 35 Stunden.

Wegweisend war auch der Kampf der IG Metall für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Der 114-tägige Streik 1956/1957 ging als eine der längsten kollektiven Arbeitsniederlegungen in die Geschichte Deutschlands ein. Heutzutage gilt es als Selbstverständlichkeit, dass im Falle einer Krankheit der Lohn sechs Wochen lang weiter gezahlt wird.

Auch für mehr Urlaubstage haben sich die Gewerkschaften permanent stark gemacht. In den 50er Jahren wurde die IG Metall für ihrer Forderung nach 18 Tagen Urlaub pro Jahr noch heftig angefeindet. In den Jahren darauf nahm die Zahl der arbeitsfreien Tage kontinuierlich zu. Ab 1981 bekamen Beschäftigte zum Beispiel in der Metall- und Elektroindustrie erstmals 30 Tage pro Jahr gewährt – heute gilt das für viele Branchen als Richtwert.

„Nicht zuletzt Dank der steigenden Bedeutung von Tarifverträgen gab es nach dem Krieg eine lange Phase steigender Einkommen und eine rückläufige Ungleichheit bei den Einkommen“, sagt Dierk Hirschel, Bereichsleiter für Wirtschaftspolitik der Gewerkschaft Verdi.

Darüber hinaus wurde die Mitbestimmung ausgebaut. Beschäftigte üben mit Hilfe von Betriebs- und Aufsichtsräten zunehmend Einfluss auf Unternehmensentscheidungen aus.

Die größten Veränderungen in den Arbeitsbedingungen sieht Alexander Spermann, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), in der Landwirtschaft und der Industrie. „Deutschland hat sich seit den 1950er Jahren von einem agrarisch geprägten Land zu einer Dienstleistungsgesellschaft gewandelt“, sagt er. In der Landwirtschaft habe der Grad der Maschinisierung stark zugelegt, während sich der Anteil der Handarbeit deutlich reduziert habe. Die Folge: Arbeit wird weniger anstrengend.

Eine ähnliche Entwicklung sei auch in der Industrie festzustellen. Wo einst Arbeiter in schmutzigen Hallen bei mitunter ohrenbetäubendem Krach monotone Tätigkeiten etwa am Fließband ausübten, übernehmen heute oft Maschinen und Roboter diese unangenehmen, anstrengenden Arbeiten. „Tendenziell verrichten die meisten Arbeiter heutzutage deutlich abwechslungsreichere und anspruchsvollere Tätigkeiten“, sagt der IZA-Direktor.

„Außerdem ist die Arbeit viel sicherer geworden“, sagt Spermann. Der Arbeitsschutz sei gesetzlich verankert und werde in den Betrieben umgesetzt. Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung belegen das. Danach nahm die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle zwischen 1986 und 2013 von deutschlandweit 1187 auf 455 pro Jahr ab.

Der Mann - kein Alleinernährer mehr

Das Alleinernährermodell aus den 50er Jahren, wonach einzig der Mann finanziell für die Familie aufkommt, habe sich überlebt, sagt Ulrich Walwei, Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Das hat den Arbeitsmarkt komplett verändert. „Es sind bei weitem mehr Frauen in das Erwerbssystem integriert, auch wenn viele in Teilzeit arbeiten“, sagt Walwei. Dazu kommt, dass die Menschen heute ein längeres Erwerbsleben haben als früher. Das sei Folge des sicheren Arbeitsplatzes und der besseren Arbeitsbedingungen.

Viele Verbesserungen der Beschäftigungsverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg basieren aus Sicht des Arbeitsrechtlers Reinhard Singer auf dem Grundgesetz. „Dadurch wurde eine Wertordnung geschaffen, die es ermöglicht, Grundrechte wie die Gleichheit von Geschlechtern auch in der Arbeitswelt zur Geltung zu bringen“, sagt der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Anwaltsrecht der Humboldt-Universität (HU) Berlin. Das betrifft etwa die Lohngleichheit von Mann und Frau sowie die Gleichbehandlung von Arbeitern und Angestellten.

Hinzu kommen EU-Anti-Diskriminierungsrichtlinien, die etwa die Benachteiligung von Arbeitnehmern wegen des Geschlechts und des Alters verhindern sollen. „Arbeitsverträge dürfen keine unangemessenen Bedingungen enthalten, die den Arbeitgeber einseitig bevorzugen“, sagt der Juraprofessor. Freiwillige Vereinbarungen wie übertarifliche Löhne oder Zulagen können nicht mehr so schnell einseitig von Seiten des Arbeitgebers verändert werden.

Die Produktivität ist enorm gewachsen

Mehr Wissen, mehr Kapital und der Einzug der Technik – das alles prägt den Fortschritt in der Arbeitswelt, sagt der Historiker Kocka. All das hat auch zu einem erheblichen Produktivitätszuwachs der menschlichen Arbeit geführt.

Weniger körperliche Tätigkeit – in diese Richtung wird es wohl auch weiter gehen, vermutet der Historiker. Eingeleitet wurde dieser Prozess durch die erste industrielle Revolution mit dem Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft. Fortgesetzt wurde sie durch die zweite industrielle Revolution, die durch die Entwicklung der Elektrotechnik die Massenproduktion möglich machte. Und nun geht es weiter auf diesem Weg mit der dritten industriellen Revolution, der Digitalisierung der Arbeitswelt.

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