Wirtschaft : Arbeiten bis ans Lebensende

JapanischeFirmenstellenRentnerein, weiljungeLeute fehlen – in Europa könnte das bald auch so sein

Sebastian Moffett

Vor vier Jahren gab es bei dem Unternehmen Kato Manufacturing ein Problem, das bald die gesamte japanische Industrie beschäftigen wird: Kato fand keine Arbeitskräfte mehr für seine Fabrik, weil es immer weniger Japaner im arbeitsfähigen Alter gibt. Eine Geburtenrate, die seit Jahrzehnten sinkt, hat die Zahl der jungen Arbeitskräfte radikal minimiert. Für Kato, das in einer kleinen Stadt ansässig ist, kam erschwerend hinzu, dass es viele junge Arbeiter in die Metropolen zieht.

Dann hatte der kleine Metallurgiebetrieb eine ungewöhnliche Idee: die Anstellung von Rentnern. Der Ansturm war gewaltig. Auf Katos Stellenanzeige im Lokalblatt, die „motivierte Menschen über 60“ zur Bewerbung aufrief, meldeten sich 100 Kandidaten. „Es gab viel mehr Interessenten, als ich vermutet hatte“, sagt Unternehmenschef Keji Kato. Außerdem gaben sich die Bewerber mit der Hälfte des Lohns zufrieden, den Kato regulär seinen Angestellten zahlt.

Katos Sorgen werden bald auch den Rest der Welt ergreifen. Das Problem ist ohne Beispiel in der Vergangenheit, und sein erstes Opfer wird das Wirtschaftswachstum sein. Sinkt in einem Land die Zahl der Arbeitskräfte, ohne dass eine steigende Produktivität der verbleibenden Arbeiter das ausgleicht, wird seine Wirtschaft schrumpfen.

Japan ist zwar das erste Land, das in dieses Dilemma gerutscht ist, aber früher oder später wird es auch den anderen Industriestaaten so ergehen. Im Jahr 2006 werden in Japan 20 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. 1986 waren es erst zehn Prozent. Italien wird die 20-Prozent-Marke ebenfalls 2006 erreichen, Deutschland im Jahr 2009. Besser ist die Lage in den USA, wo diese Quote dank einer höheren Geburtenrate und stärkerer Einwanderung erst für das Jahr 2036 erwartet wird. Doch auch die Amerikaner haben noch keine Lösung gefunden, um die Sozialkosten einer ergrauten Gesellschaft zu decken.

Anders als die USA lehnt Japan Einwanderung ab. Das Land verfolgt eine andere Strategie: Ältere Arbeitnehmer werden ermuntert, länger zu arbeiten. Die Anhebung des beruflichen Ausstiegsalters entlastet gleichzeitig die Rentenkassen, weil das Rentenalter damit gleich mit angehoben wird. „Ich möchte so lange arbeiten, wie ich gesund bin“, sagt Sachiko Ichioka. Die 67-jährige Witwe arbeitet im KatoWerk, wo sie Teile von Lüftungsanlagen für den Versand vorbereitet. „Mit dem zusätzlichen Geld kann ich mir Reisen leisten, und ich bin meinen Kindern keine Last“, sagt Ichioka.

Schuld an Japans Personalmangel sind zwei mit dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes verbundene Trends: Zum einen haben verbesserte Ernährung und Gesundheitsversorgung die durchschnittliche Lebenserwartung auf 82 Jahre ansteigen lassen – die höchste in der Welt. Andererseits bringen Japans Frauen immer weniger Kinder zur Welt. Durchschnittlich werden pro Frau nur noch 1,28 Kinder geboren, verglichen mit 2,04 in den USA. In anderen Ländern sieht es nicht viel besser aus: Italien und Spanien haben eine Geburtenrate ähnlich der japanischen, in Südkorea ist sie zuletzt sogar auf 1,19 Geburten pro Frau abgesackt. Und während die Lebenserwartung zum Beispiel in China erst bei 71 Jahren liegt, ist sie in den westlichen Industriestaaten bei einem Wert in den hohen Siebzigern angekommen. Die aufstrebenden Länder wie Brasilien und Indien wiederum haben aufgrund ihrer jungen Bevölkerung derzeit noch einen demografischen Vorteil. Doch wenn sich das Wachstum auch dort auf Geburtenrate und Lebenserwartung ausgewirkt hat, wird es damit vorbei sein.

Durch die Einbindung der älteren Generation in die Wirtschaft könnte Japans Arbeitsreservoir konstant gehalten werden. Nach Berechnungen von Atsushi Seike, einem Ökonomen an Tokios Kelo-Universität, wird der Geburtenrückgang die Zahl der 20- bis 30-jährigen Japaner im nächsten Jahrzehnt um 3,2 Millionen Menschen reduzieren. Die Anhebung des Rentenalters auf 65 Jahre würde dagegen zwei Millionen Menschen im Arbeitsleben halten. Eine weitere Million Beschäftigte könnten die Frauen stellen. Entgegen ihrer traditionellen Rolle in der Gesellschaft zieht es immer mehr von ihnen in die Arbeitswelt. „Zusammen könnten diese Gruppen den Verlust von jungen Beschäftigten ausgleichen“, sagt Seike. Er meint, dass die Chancen, ältere Japaner im Arbeitsleben zu halten, in dem Land gut stehen: Bis vor einigen Jahrzehnten arbeiteten die Menschen in Japan noch bis nahe an das Lebensende. „Viele Erwachsene kennen das noch von ihren Eltern, so dass sie mit der Idee vom Rentnerleben ohnehin nicht viel anfangen können.“

Japans Regierung hofft auch, dass ein längeres Berufsleben die Rentenkassen vor dem Zusammenbruch rettet. Immer weiter hat sie das Renteneintrittsalter zuletzt angehoben. Hatte im Jahr 2000 jeder noch ab dem 60. Lebensjahr den Anspruch auf Staatsrente, wird die Rente im Jahr 2025 erst ab 65 gezahlt. Gleichzeitig werden die Rentenbeiträge der Arbeitnehmer steigen und die Auszahlungen gekürzt. Um den Beschäftigten zu helfen, erließ man im vergangenen Jahr ein Gesetz: Unternehmen müssen bis 2013 das Ausstiegsalter von 60 auf 65 Jahre anheben oder ihre aus Altersgründen ausgeschiedenen Mitarbeiter wiedereinstellen.

Älteste Kato-Beschäftigte ist die 82-jährige Tochiko Masutani, die dreimal täglich mit dem Motorrad in die Firma kommt, um die Kantine zu reinigen. „Ich bin froh, dass ich noch für etwas zuständig bin; arbeiten zu müssen, tut mir sehr gut“, sagt sie. „Wenn ich zu Hause sitzen müsste, würde ich doch nur auf den Tod warten.“

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