Wirtschaft : Arbeiten für die Herzenssache

Ehrenamtliche sehen Engagement bedroht

-

Sie gehen für alte Leute einkaufen, helfen Kindern bei den Hausaufgaben oder kümmern sich um kranke Menschen – die Rede ist nicht von ArbeitslosengeldIIEmpfängern, die bald für einen Euro die Stunde von den Wohlfahrtsverbänden beschäftigt werden sollen. Nein, es geht um die 22 Millionen Deutschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Und die müssen nun fürchten, künftig nicht mehr gebraucht zu werden. So sehen das zumindest die Diakonischen Werke und Vertreterorganisationen der ehrenamtlich Tätigen. „Die Zwangsbeschäftigung von Arbeitslosen wird auf dem Rücken des bürgerschaftlichen Engagements ausgetragen“, sagt Gerd Klacke, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa). Er befürchtet, dass die Ein-Euro-Jobber die Ehrenamtlichen verdrängen könnten. „Natürlich ist es für einen Wohlfahrtsverband bequemer, wenn er Billigarbeitskräfte hat, über die er eine festgelegte Stundenzahl verfügen kann“, so Klacke. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter hingegen habe oft nur ein beschränktes Zeitkontingent.

Auch Susanne Kahl-Passoth, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg, beobachtet die Planungen der Wohlfahrtsverbände mit Sorge. „Die Ein- Euro-Kräfte dürfen nicht in die Konkurrenz zu Ehrenamtlichen getrieben werden und so die Kultur des bürgerschaftlichen Engagements insgesamt bedrohen“, mahnt KahlPassot. Ehrenamtliche würden sich aus Überzeugung engagieren, ihre Arbeit sei für „eine Herzenssache“. Wenn aber künftig ALG-II-Empfänger eine solche Aufgabe aufgedrückt bekommen würden, dann würde das zu Lasten der sozialen Arbeit gehen. Der Bagfa-Geschäftsführer formuliert es drastischer: „Niemand will jemandem den Hintern abwischen, wenn er zu dieser Arbeit gezwungen wird.“

Bei den Wohlfahrtsverbänden allerdings kann man die Aufregung nicht verstehen. „Wir sind froh um jeden, der ehrenamtlich tätig wird, und wir können nach wie vor jeden gebrauchen“, sagt Jürgen Fergg, Sprecher der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Zudem gehe es um bundesweit 2500 Stellen für ALG-II-Empfänger. „Eine Konkurrenz für die Ehrenamtlichen ist angesichts dieser Zahl völlig ausgeschlossen“, so Fergg. Zumal die AWO schon seit Jahren mit den Arbeitsagenturen bei der Vermittlung von Beschäftigungsmaßnahmen zusammenarbeite. Der Generalsekretär der Caritas, Georg Cremer, wehrte sich gegen den Vorwurf, die Qualität der karritativen Arbeit könne durch die Ein-Euro-Jobs leiden. „Diese Tätigkeiten sind mit einer Qualifizierungskomponente verbunden“, sagte er. Schließlich sollten so vor allem junge Erwerbslose durch diese Beschäftigungsmaßnahmen für eine Ausbildung, etwa im Pflegebereich, qualifiziert werden. dro

0 Kommentare

Neuester Kommentar