Arbeiten mit Kind : Fachkräftemangel zwingt Unternehmen zu Familienfreundlichkeit

Nach einer Studie ist für Arbeitnehmer mit Kind ein familienfreundlicher Betrieb ebenso wichtig wie das Gehalt. Immer mehr Unternehmen wenden sich dem Thema zu - wenn auch nicht ganz freiwillig.

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Gut aufgehoben. 90 Prozent der Beschäftigten mit Kindern finden Familienfreundlichkeit so wichtig wie das Gehalt. Foto: Commerzbank AG
Gut aufgehoben. 90 Prozent der Beschäftigten mit Kindern finden Familienfreundlichkeit so wichtig wie das Gehalt. Foto:...

Nicole Didlaukat, 36, hat sich auf den Donnerstag gefreut. Und ihre sechsjährige Tochter auch. Die Spezialistin für Kreditsicherheiten im Firmenkundengeschäft bei der Commerzbank wird auch in den nächsten Jahren relativ entspannt zur Arbeit gehen können, soweit Alleinerziehende überhaupt entspannt sein können. Am heutigen Donnerstag eröffnet die Commerzbank in Frankfurt am Main einen Hort für Mitarbeiterkinder. Kitas hat das Institut schon, aber mit dem Hort gehört die Commerzbank zu den ganz wenigen Unternehmen, die sich auch an die Betreuung von älteren Kindern wagen. Nicole Didlaukat sagt: "Ohne das Kita- und Hortangebot der Commerzbank könnte ich nicht in Vollzeit arbeiten."

Die Bank gehört mit ihrem Engagement für Familienfreundlichkeit zu den Pionieren in der deutschen Wirtschaft und ist mehrfach ausgezeichnet worden. Mittlerweile werden bundesweit rund 360 Kinder von Mitarbeitern in Krippen, Kindergarten und Hort betreut. Tendenz steigend.

In den vergangenen Jahren ist das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Führungsetagen der Unternehmen schleichend angekommen. Betriebe wollen beispielsweise von der Hertie-Stiftung für Qualitätsstandards zertifiziert werden oder beteiligen sich an Netzwerken wie „Erfolgsfaktor Familie“, das vom Bundesfamilienministerium initiiert wurde. Über 3600 Unternehmen haben sich hier verpflichtet, auf eine neue Balance zwischen familiären und beruflichen Ansprüchen hinzuarbeiten. Allerdings gibt es keine Zahlen darüber, wie viele Unternehmen sich auch an die Verpflichtungen halten – weder das Netzwerk noch Unternehmerverbände wie die DIHK, die das Projekt unterstützen, erheben sie. Es gibt keine Kontrolle, nur Handlungsdruck.

Längst hat der Fachkräftemangel und der daraus resultierende „War of Talents“ kleine Revolutionen in den Unternehmen provoziert. Die Telekom hat ein Projekt auf den Weg gebracht, das es auch Führungskräften ermöglichen soll, in Teilzeit zu gehen. Führungskräfte, sagen Wissenschaftler, seien vor allem für Väter wichtige Vorbilder, um sich zu trauen, eigene Bedürfnisse nach flexibler oder geringerer Arbeitszeit zu formulieren. Ein weiteres Projekt der Telekom will dem Fachkräftemangel begegnen, in dem eine Teilzeitausbildung und ein Studium für Alleinerziehende angeboten werden.

Umfragen und Studien befördern diese Entwicklung, auch wenn sie häufig noch ambivalente bis kritische Ergebnisse produzieren. In der jüngsten Allensbach-Umfrage zur Mitarbeiterzufriedenheit waren 56 Prozent der Meinung, dass ihr Arbeitgeber versuche, auf die familiäre Situation Rücksicht zu nehmen. Versuche! Jeder vierte Arbeitnehmer hat dagegen den Eindruck, im Betrieb werde Familie als Privatsache betrachtet.

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