Wirtschaft : Arbeiten und verhandeln

Die Mehrheit der Opelaner will wieder produzieren. Doch linke Aktivisten in der Belegschaft können sich mit dem Votum nicht abfinden

Jürgen Zurheide

Bochum - Am Ende wollen sie nur noch raus. Schon wenige Sekunden, nachdem das Ergebnis der Abstimmung verkündet wurde, stürmen die Opelaner auf den Vorplatz des Kongresszentrums, die vielen Kameras finden sie nur noch störend. „Lass mich in Ruhe“, blaffen nicht wenige die Journalisten an, die fragen, was drinnen im Saal passiert ist. Die Gesichter der Betroffenen spiegeln Angst, denn sie wissen längst, was einer der Betriebsräte später so formulieren wird: „Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“ Jetzt machen gehen sie erst einmal zur Mittagsschicht, um 15 Uhr sollen die Bänder in den drei Opel-Werken anlaufen. Drei Viertel, exakt 4647 Opelaner, hatten für die Arbeitsaufnahme gestimmt, 1759 dagegen.

Obwohl das Kongresszentrum nur wenige Kilometer von den Werkshallen entfernt ist, scheinen Welten zwischen beiden Orten zu liegen. Noch am Morgen haben die Streikenden heftig debattiert, das Für und Wider einer Arbeitsaufnahme abgewogen. Nicht nur vor den Werkstoren waren sie mächtig agitiert worden. Etliche kommunistische Aktivisten versuchten, Stimmung zu machen. „Noch mächtiger als unsere Feinde sind wir und unsere Freunde und Verbündete“, texteten sie in „Blitz“, der Streikzeitung, die an den Toren verteilt wird. Die Kollegen von der sozialistischen Alternative sahen es ähnlich: „Gemeinsam kann man so viel Druck machen, dass auch Peters und Huber gezwungen werden, den Kampf zu unterstützen – zum Beispiel durch einen eintägigen Streik in allen Autowerken Europas.“

Dass die Solidarität im Ausland mäßig gewesen war, mochten sie kaum zur Kenntnis nehmen. „Wir führen 2:0, und jetzt sollen die besten Spieler vom Platz genommen werden“, schimpfte etwa Uli Schreyer, einer der Vertrauensleute. Am Abend zuvor im Werk hatte es heftigen Streit gegeben, weil Leute wie Schreyer nicht mit dem Kurs der IG Metall einverstanden waren, die auf Verhandlungen mit dem Management setzten. „Das ist doch alles heiße Luft, was die uns da vorschlagen“, lautete sein Urteil – nicht wenige klatschten frenetisch Beifall.

Um zu verhindern, dass sich die Stimmung wieder aufheizt, hatte die IG Metall am Tag der Entscheidung Sicherungen eingebaut. Das Kongresszentrum durften nur Männer und Frauen mit Opel-Ausweis betreten. Als die Halle bis auf den letzten Platz gefüllt war, aber immer noch Opelaner nachrücken wollten, wurde die Sporthalle nebenan geöffnet und die Veranstaltung dorthin übertragen. Reden durften nur die beiden Betriebsräte und der Bochumer IG-Metall-Chef. Keiner gab eine offene Empfehlung, es wusste aber jeder, dass sie für die Variante „verhandeln und arbeiten“ plädieren.

Dass keiner der Oppositionellen ans Mikrofon durfte, sorgte vor der Halle für Aufregung. Noch während die Metaller die Stimmzettel auszählten, kam einer nach dem anderen vor die Tür, beschwerte sich bei den Journalisten. Ein „Riss“ gehe durch die Belegschaft, klagten sie.

Am Ende beraten die Betriebsräte, wie sie die aufgeheizte Stimmung wieder einfangen. „Wir diskutieren seit Donnerstag Abend vergangener Woche“, erklärt etwa Rainer Einenkel, der stellvertretende Betriebsratschef, als er von der Kritik vor der Halle hört, „jetzt musste entschieden werden“. Dass die radikalen Wortführer die Mehrheit beeindrucken könnten, bestreiten sie anschließend. „Das war ein demokratisches Ergebnis, vielleicht sogar einzigartig in der Geschichte“, sagt später Betriebsratschef Dietmar Hahn. „Wir werden um jeden Arbeitsplatz in Bochum kämpfen“, versichert er ungefragt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben