Wirtschaft : Arbeitgeber gehen ohne Angebot in heiße Tarifphase

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Die Tarifparteien in der Metall- und Chemieindustrie sind am Mittwoch auf die Zielgerade der Tarifrunde 2002 gekommen. Für die rund 570 000 Beschäftigten in der westdeutschen Chemieindustrie soll bis zum Ende der Woche ebenso ein Lohnabschluss gefunden werden wie für die 3,6 Millionen Metaller. Allerdings legten die Arbeitgeber zunächst kein neues Angebot vor. Der Verhandlungsführer der Metallarbeitgeber im Südwesten, Ottmar Zwiebelhofer, sagte in Ludwigsburg: "Wir werden auf die zwei Prozent sicher nichts drauf legen". IG Metall-Bezirksleiter Berthold Huber meinte zu Beginn der Verhandlungen, "in den nächsten Stunden wird sich zeigen, wo die Schmerzlinie liegt." In Baden-Württemberg wird ein Pilotabschluss für die ganze Branche angestrebt. Die IG Metall fordert 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt.

Die IG Chemie signalisierte dagegen die Bereitschaft zu einem Abschluss zwischen drei und vier Prozent. Der Verhandlungsführer der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Werner Bischoff, sagte am Verhandlungsort in Lahnstein bei Koblenz, er könne sich eine Einigung "oberhalb von drei Prozent in Richtung vier Prozent" vorstellen. Arbeitgebervertreter äußerte sich "optimistisch, dass wir in diesen zwei Tagen zu einer Lösung kommen". Es gebe "Vertrauenspotenzial". Die IG BCE fordert 5,5 Prozent mehr Geld und eine Modernisierung des Entgelttarifvertrages.

Mehrere zehntausend Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie unterstrichen auch am Mittwoch ihre Bereitschaft zum Arbeitskampf, indem sie kurzzeitig die Arbeit niederlegten. In Hannover zogen 5500 Metaller mit Trillerpfeifen und Transparenten durch die Innenstadt. Im fränkischen Schweinfurt versammelten sich nach Angaben der IG Metall 9000 Beschäftigte; in München protestierten 7000 Arbeitnehmer vor der Firmenzentrale des Nutzfahrzeugkonzerns MAN. Im Tarifgebiet Küste erwartete die IG Metall 30 000 Teilnehmer und in Berlin traten 850 Metaller in den Ausstand.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall verurteilte das "Hochfahren der Warnstreik-Welle in der Automobilindustrie" als "absolut unverständlich angesichts der wirtschaftlichen Lage". Der Slogan der Metaller "Wir wollen 6,5 Prozent mehr Lohn" sollte ergänzt werden um die Zeile "bei 9,3 Prozent weniger Automobil-Produktion". Das Kraftfahrt-Bundesamt hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass im März in der Bundesrepublik 9,3 Prozent weniger Autos zugelassen worden war als im Vorjahresmonat. In der gesamten Metallindustrie ist Gesamtmetall zufolge binnen Jahresfrist die Produktion in ähnlicher Größenordnung gesunken. "Wir stehen mit der Produktion nun wieder im tiefsten Keller. Das sind die schlechtesten Zahlen seit Beginn der Rezession im Januar 2001", sagte Gesamtmetall-Geschäftsführer Hans Werner Busch. Die vom DIW abgegebene Prognose für 2002, wonach die Produktion der Metallindustrie um 2,4 Prozent sinkt, erscheine "sehr optimistisch". Vor diesem Hintergrund sei die Lohnforderung von 6,5 Prozent "völlig weltfremd".

Der Präsident des Münchner Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, warnte unterdessen: "Jeder Abschluss über der erwarteten Inflationsrate von 1,5 Prozent kostet Arbeitsplätze." Untersuchungen hätten gezeigt, dass jedes Prozent Reallohnerhöhung die Beschäftigung langfristig um mehr als ein Prozent reduziere, sagte er dem Magazin "Focus-Money". Am Mittwoch wurden zudem die Tarifverhandlungen für das deutsche Baugewerbe fortgesetzt. Die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) fordert 4,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt. Die Arbeitgeber legten auch in der vierten Runde kein Angebot vor.

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