Wirtschaft : Arbeitgeber-Vorstoß ist nach Meinung des DIHT-Präsidenten Stihl "Unsinn"

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Wissenschaftler zeigen Verständnis für moderate Lohnerhöhungbir/hej

Der Vorstoß des DIHT-Präsidenten Hans Peter Stihl, die Lohnerhöhungen im kommenden Jahr auf den Anstieg der Inflationsrate zu begrenzen, ist nach Meinung von ÖTV-Chef Herbert Mai "Unsinn". Dies sei das "übliche Geplänkel" vor Tarifrunden, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr am Freitag dem "Tagesspiegel". Im Gegensatz zu dem, was der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages fordert, gingen alle Gewerkschaften davon aus, dass der Maßstab auch für die Tarifforderungen im nächsten Jahr das Wirtschaftswachstum und die Inflation sein werden. In einigen Bereichen werde man noch die Entwicklung der Produktivität einbeziehen, betonte Mai. Mit welcher konkreten Forderung die ÖTV in die nächste Gehaltsrunde gehe, werde die Gewerkschaft im Februar beschließen. "Aber das sind die Maßstäbe und nicht die gesetzliche Vorgabe von 0,6 Prozent, wie sie Finanzminister Eichel für die Beamten festschreiben will", stellte Mai fest.

Nach Ansicht von Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, kann die Inflationsrate angesichts der aktuell sehr niedrigen Preissteigerungsrate als Orientierungsgröße für die Tarifabschlüsse vernachlässigt werden. Vielmehr könne dann von einer "generell klugen Lohnpolitik gesprochen werden, wenn die Tarifabschlüsse unterhalb der Produktivitätssteigerungsrate lägen." Die Lohnerhöhungen dürften bei einer zu erwartenden Produktivitätssteigerung von rund zwei Prozent diese Marke nicht überschreiten. "Nur so kann die Lohnpolitik einen Beitrag zur Schaffung neuer Arbeitsplätze leisten", sagte der Ex-Wirtschaftsweise und fügte hinzu: "Wichtig ist außerdem, dass eine solche Lohnpolitik glaubwürdig für mehrere Jahre angelegt wird." Natürlich brauche die deutsche Wirtschaft auch eine Belebung der Nachfrage, so der Ökonom. Sie sollte aber nicht das Ergebnis einer überzogenen Lohnpolitik sein, sondern müsse sich aus der allgemeinen Konjunkturbelebung entwicklen.

Verständnis für den Vorstoß Stihls zeigt Manfred J. M. Neumann von der Universität Bonn. Zwar würden die Arbeitnehmer solche geringen Lohnerhöhungen nicht einsehen, "doch angesichts unseres hohen Lebensstandards ist es zumutbar, wenn die Löhne nur in Höhe der Inflationsrate steigen." Dabei gehe es nicht um Sonderopfer der Beschäftigten, sondern vielmehr um einen Ausgleich dafür, dass die Beschäftigten in der Vergangenheit eine zu hohe Anhebung der Löhne erfahren hätten. In jedem Falle würden nur Lohnabschlüsse, die geringer als der Produktivitätszuwachs ausfielen, neue Beschäftigung bringen.

Auch für Johann Eekhoff von der Universität Köln steht fest: "Wenn die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft - etwa durch den technischen Fortschritt - im Jahr um rund zwei Prozent zunimmmt, dann darf dieser Produktivätszuwachs nicht durch Lohnsteigerungen wieder aufgefressen werden." Wer neue Maschinen kaufe, müsse dabei auch noch etwas verdienen, sonst investiere er bald nicht mehr. Außerdem sollte ein solcher Unternehmer auch die Gewissheit haben, dass diese Lohnpolitik nicht nur für eine Tarifrunde gilt.
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