Wirtschaft : Arbeitgeber: Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz

Gesamtmetall stellt Motto der Tarifrunde 2006 vor und lehnt Lohnangebot ab / Maschinen- und Autobauer für mehr Flexibilisierung

Alfons Frese,Anselm Waldermann

Berlin - Die Arbeitgeber wollen „um jeden Arbeitsplatz kämpfen“ und stellen deshalb die Tarifrunde 2006 unter das Motto „Arbeit in Deutschland halten“. Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, erläuterte am Donnerstag in Berlin die Strategie des wichtigsten deutschen Arbeitgeberverbandes, der sich im kommenden Februar mit der IG Metall auseinander setzen muss. Der Vorstand der Gewerkschaft hatte am Montag eine Lohnforderung von bis zu fünf Prozent beschlossen. Kannegiesser wiederum bezeichnete nun das Feilschen um Lohnprozente als „Zeitverschwendung“. Er wolle mit der IG Metall viel lieber über die Lage der Industrie reden, wobei strukturelle und konjunkturelle Aspekte zu berücksichtigen seien. Deshalb werde der Arbeitgeberverband auch kein Lohnangebot unterbreiten.

Erstmals gemeinsam äußerten sich die Automobilindustrie und der Maschinenbau zur Tarifrunde. „Diesmal geht es um die Weichenstellung der nächsten Jahre“, sagte der Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Dieter Brucklacher. Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Bernd Gottschalk, wünschte sich eine „Tarifpolitik, die wie in keinem Jahr zuvor integriert sein muss in die Bemühungen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“. Sonst verliere der Standort weiter an Wettbewerbsfähigkeit. Während die Autoindustrie vor zehn Jahren noch 68 Prozent im Inland produziert habe, seien es heute nur noch 56 Prozent. VDMA und VDA forderten eine weitere Flexibilisierung „sowohl bei den Entgelten als auch bei den Arbeitszeiten“ (Gottschalk). Dabei habe die Flexibilisierung eine „viel größere Bedeutung als die nominale Höhe der Löhne“. Die Kunden seien auch nicht mehr bereit, Mehrkosten durch besondere Schichtzulagen und Pausenregelungen zu bezahlen. „Wir müssen uns auch fragen, ob jedes Dienstleistungsgeschäft in unseren Betrieben noch zu hohen IG-Metall-Löhnen möglich ist“, sagte Gottschalk.

Diese Anregungen griff Kannegiesser mit vier „Bausteinen für ein tarifpolitisches Konzept“ auf. Erstens müsse eine kostenneutrale Lohnentwicklung angestrebt werden; demnach dürften die Löhne nicht stärker als die gesamtwirtschaftliche Produktivität steigen, die mit rund 1,2 Prozent veranschlagt wird. Zweitens regte Kannegiesser „neue betriebliche Gestaltungsoptionen“ an, zum Beispiel die Kopplung des Weihnachtsgeldes an der Ertragslage, wie sie auch bereits IG-Metall-Chef Jürgen Peters ins Gespräch gebracht hatte. Drittens wünscht sich der Gesamtmetall-Chef tarifpolitische Anreize zum Aufbau von Arbeitsplätzen. Denkbar sind zum Beispiel niedrigere Einstiegslöhne für Langzeitarbeitslose. Viertens schließlich möchte Kannegiesser die Beschäftigungschancen „in Randbereichen unserer Industrie „fördern“, etwa die Etablierung von so genannten Dienstleistungstarifverträgen für Service-Bereiche.

Der ostdeutsche IG-Metall-Chef, Olivier Höbel, bekräftige am Donnerstag die Lohnforderung der Gewerkschaft. Da für 2006 eine Inflationsrate von zwei Prozent und ein Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktivität ebenfalls um zwei Prozent erwartet werde, „ist eine vierprozentige Tariferhöhung völlig kostenneutral“. Das gelte im Übrigen auch für Ostdeutschland, wo es wegen der „positiven Lohnstückkostenentwicklung keinen Anlass gibt, einen Ost-Abschlag hinzunehmen“, sagte Höbel dem Tagesspiegel. Er warnte im Übrigen vor „betrieblichen Bündnissen für Arbeit, die Niedriglohnstrukturen etablieren wollen. Das ist kein Erfolgsmodell, sondern eine Dumpingspirale nach unten“.

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