Wirtschaft : Arbeitgeberpräsident Hundt macht Rückzieher

Optimistische Jobprognose relativiert / Aber Maschinenbau und Autoindustrie kündigen Neueinstellungen ein FRANKFURT (MAIN)/BONN (ro). Die Schlüsselbranchen Maschinenbau und Automobilindustrie wollen aufgrund ihrer guten Auftragslage zahlreiche neue Stellen schaffen.So planen die Maschinenbauer, bis Ende des Jahres die Zahl der Mitarbeiter um rund 20 000 zu erhöhen.Dennoch glauben Verbandsvertreter nicht daran, daß in Deutschland bis zum Herbst 500 000 neue Jobs entstehen werden.Auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt rückte am Donnerstag von seiner eigenen, optimistischen Prognose wieder ab.Hundt stellte klar, daß durch Wachstum, exportfreundliche Wechselkurse und Lohnzurückhaltung 1998 zwar 500 000 bis 600 000 neue Stellen entstehen könnten.Weil aber weiterhin Stellen verloren gingen, werde in der Jahresbilanz die Zahl der Stellensuchenden nur um 200 000 sinken.Die Bundesregierung hatte in ihrem Jahreswirtschaftsbericht für das Jahresende bis zu 200 000 Arbeitslose weniger als Ende 1997 prognostiziert.An die Schaffung von einer halben Million neuen Stellen glaubt auch der Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse (CDA), Rainer Eppelmann, nicht.Zwar habe das Handwerk im September 1996 bis zu 400 000 neue Stellen in Aussicht gestellt, habe dann aber trotz der Einschränkungen bei der Lohnfortzahlung und beim Kündigungsschutz 100 000 Arbeitsplätze gestrichen, kritisierte Eppelmann.Die Bundesvorstandssprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Gunda Röstel, nannte die Korrektur von Hundt "peinlich".Hier sei der "Wunsch Vater des Gedankens" gewesen.Auch die Wirtschaftsforschungsinstitute teilen die Prognosen aus dem Jahreswirtschaftsbericht nur bedingt.Während sich das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft sogar noch zuversichtlicher zeigte als die Bundesregierung, schätzt das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) die Bonner Arbeitsmarktprognose insbesondere für den Osten als zu optimistisch ein.Der von der Bundesregierung erwartete Abbau der Arbeitslosenzahl in Ostdeutschland um bis zu 100 000 bis Ende 1998 gegenüber Ende 1997 sei "Wunschdenken", sagte der Konjunkturexperte des Hallenser Instituts, Udo Ludwig.Dagegen kündigte die Automobilindustrie am Donnerstag weitere Neueinstellungen an.Nach schwachem Start ist die Autokonjunktur im Februar richtig in Fahrt gekommen.Insgesamt rollten 445 400 Kraftfahrzeuge von den Fließbändern, acht Prozent mehr als vor Jahresfrist.Der "Autofrühling" wird nach Ansicht des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) 1998 nochmals zu einem leichten Beschäftigungszuwachs führen.1997 hatte die Branche die Zahl der Arbeitsplätze bereits um 25 Prozent auf 681 000 Stellen erhöht.Gute Nachrichten auch vom Maschinenbau.Die Branche ist nach Ansicht von Michael Rogowski längst keine Krisenbranche mehr.Der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) gibt sich nach dem unerwartet guten Jahr 1997 auch für 1998 optimistisch und erwartet erneut ein Produktionsplus von sechs Prozent.Wegen der guten Geschäftslage rechnet Rogowski erstmals seit 1991 auch wieder mit neuen Arbeitsplätzen.Mitte 1997 sei der untere Wendepunkt bei der Beschäftigung erreicht worden.1998 wollen die deutschen Maschinenbauer rund 20 000 neue Stellen schaffen."Wenn es gut läuft, können es auch 30 000 sein", meint Rogowski.Im vergangenen Jahr hat die Branche allerdings noch einmal 16 000 Arbeitsplätze gestrichen.Ende 1997 zählten die Firmen noch 924 000 Mitarbeiter.Beim Höchststand der Beschäftigung Ende 1991 waren es noch fast 1,5 Millionen.Auch Rogowski betreibt Wahlhilfe für die Regierung.Genau wie Hundt und BDI-Chef Hans-Olaf Henkel wünscht sich der VDMA-Chef einen Sieg der Koalition bei der Bundestagswahl."Eine Chance sollte sie noch bekommen." Freilich müßte die Regierung noch "programmatisch" zulegen.Beim VDMA wünscht man sich dies vor allem mit Blick auf die Kostenbelastung in Deutschland.Ausgebliebene Reformen werden unter anderem auch für die immer noch unbefriedigende Ertragslage der Maschinenbauer verantwortlich gemacht.Die Nettoumsatzrendite sei 1997 zwar im Schnitt von 1,5 auf zwei Prozent gestiegen, sagt Rogowski.Dies sei aber immer noch zu wenig, um die für die Zukunftssicherung erforderlichen Entwicklungen und Investitionen finanzieren zu können.Auch die Eigenkapitalquote im deutschen Maschinenbau sei mit unter 20 Prozent zu gering.Für 1998 sieht der VDMA-Präsident aber keine besonderen Risiken.Zwar werde die Asienkrise mit Exportausfällen erst in diesem Jahr voll durchschlagen.Diese Einbußen, die die Exporte um etwa zwei Prozentpunkte drücken könnte, würden durch bessere Geschäfte vor allem in Westeuropa ausgeglichen.Auch vom Inland erwartet Rogowski endlich einen runder laufenden Investitionsmotor.Im Maschinenbau habe das Geschäftsklima jedenfalls in den letzten Wochen den besten Wert seit 1990 erreicht.Insgesamt rechnet der VDMA, auch aufgrund eines Auftragsüberhanges aus dem vergangenen Jahr, mit einer realen Zunahme der Produktion um sechs Prozent.1997 war die Produktion im deutschen Maschinenbau real um 4,3 Prozent gestiegen.Erwartet hatte der VDMA ein Plus von drei Prozent.Der Auftragseingang erhöhte sich um zehn Prozent, der Umsatz kletterte real um 4,5 Prozent auf 247 Mrd.DM.Im Inland wurden dabei rund 100 Mrd.DM umgesetzt, ein Rückgang um ein Prozent.Das Auslandsgeschäft entwickelte sich nach Angaben von Rogowski gut, während das Inland enttäuschte.65 Prozent der Produktion gingen in den Export."Faire" Wechselkurse, die konsequente Restrukturierung der Unternehmen, der maßvolle Tarifabschluß für 1997 und 1998 und der Ausbau der Technologieführerschaft hätten sich ausgezahlt.

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