Arbeitsagentur : Schöne neue Arbeitswelt

Die Arbeitsagentur nutzt den Fachkräftemangel, um sich bei der Vermittlung zu profilieren. Auch für Manager will sie jetzt Ansprechpartner sein.

Claudia Obmann
Bürokratie ade. Foto: ddp
Bürokratie ade.Foto: ddp

Für gesellige Abende mit Improvisationstheater, wie neulich in Göttingen, ist die Bundesagentur für Arbeit (BA) bislang nicht bekannt. Doch um sich vom staubigen Image der Arbeitslosenverwaltung zu befreien und sich als effizienter Personalbeschaffer zu positionieren, geht Behördenchef Frank-Jürgen Weise in die Offensive: Quer durch die Republik lädt er Unternehmer und Personalleiter zu so genannten Business Talks ein.

Diese Veranstaltungsreihe gehört zur neuen Marketing-Kampagne der BA, die sich speziell an Arbeitgeber richtet. Für 2011 sind dafür rund 1,2 Millionen Euro des voraussichtlichen Gesamtbudgets von knapp 42 Milliarden Euro reserviert. Die verstärkte Vermittlung ausländischer Fach- und Führungskräfte – vom Arzt bis zum Ingenieur – an deutsche Unternehmer durch die Spezialisten der ZAV in Bonn, zählt ebenfalls dazu.

Die Initiative kommt nicht von ungefähr. Zum einen wächst der Druck auf die BA – und zwar von allen Seiten: aus der Gesellschaft, von der Politik und auch aus der Wirtschaft. Zum anderen sieht BA-Chef Frank-Jürgen Weise den Fachkräftemangel als Chance für die Profilierung seines Hauses.

So soll die Bundesagentur bei der Vermittlung Arbeitsloser schlagkräftiger werden – und zwar vom jugendlichen Hartz-IV-Empfänger bis hin zum Manager. Gleichzeitig sollen auch die Unternehmen besser bedient werden. Denn sie bezahlen schließlich alljährlich Milliarden-Beträge in die Arbeitslosenversicherung.

Den größten deutschen Dienstleister am Arbeitsmarkt nutzen die deutschen Unternehmen bislang aber kaum: Nur knapp ein Drittel aller Vakanzen wird neu besetzt, indem Personalverantwortliche die BA einschalten. Das hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelt.

Eine Quote, die im Vergleich zu anderen europäischen Arbeitsverwaltungen gering ist. Primus ist Österreich, wo bereits 40 Prozent der freien Stellen über den dortigen Arbeitsmarktservice besetzt werden. Frank-Jürgen Weise wird die Nachbarn noch übertreffen müssen, denn „unsere staatliche Aufgabe lautet: Möglichst alle vakanten Stellen zu akquirieren, um Angebot und Nachfrage füreinander transparent zu machen“.

Die Zeiten, in denen sich die BA nach dem Reform-Motto von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder dem „Fordern und Fördern“ der Arbeitslosen widmen konnte, sind vorbei. Statt Weiterbilden ist Vermitteln angesagt. Das signalisiert auch das Sparpaket der Bundesregierung: rund vier Milliarden Euro für die Weiterbildungsförderung wurden aus dem BA-Budget kurzerhand gestrichen.

Zu viel der milliardenschweren Ausgaben für die Qualifizierung und zur Arbeitsförderung verpufft. Denn neben den knapp drei Millionen Arbeitslosen sind noch eine weitere Million nicht vermittelbare Menschen in solchen Maßnahmen „geparkt“. Die Stellen für Fachkräfte aber bleiben offen.

Dabei verschärft sich der Fachkräftemangel in vielen Branchen und Regionen. Ohne Zuwanderung wird das Potenzial an Arbeitskräften in Deutschland in den kommenden zehn Jahren sogar so stark schrumpfen wie in keinem anderen Industrieland. Denn die Zahl der Älteren, die sich aus dem Berufsleben verabschieden, wird im Jahr 2020 um 75 Prozent höher sein als die Eintritte junger Menschen. Das zeigen Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Nur Polen erreicht im Vergleich von 28 Ländern einen ähnlich hohen Wert. Irland verzeichnet als einzige Nation ein Arbeitskräfteplus.

Kein Wunder, dass Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen die gesteuerte Zuwanderung von Fachleuten forciert. Um regional exakt den jeweiligen Bedarf zu ermitteln, kann sich die Ministerin auf BA-Analysen verlassen. Das in-Monitoring-System ist einer der wichtigen BA-Erfolge.

Dafür müssen die Nürnberger in anderer Disziplin nachsitzen. Experten wie Gustav Horn, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung, rügen, dass „noch immer nicht die Relation von Sachbearbeitern und Arbeitssuchenden stimmt“. 70 Fälle, um die sich ein BA-Betreuer kümmern sollte, um Vermittlungshemmnisse zu beseitigen, lautete die Vorgabe. Doch diese Quote wird gerade mal in der Betreuung jugendlicher Hartz-VI-Empfänger erreicht, ansonsten betreut ein Sachbearbeiter die doppelte Anzahl.

Die insgesamt 120 000 BA-Mitarbeiter – etwa 40 000 von ihnen befinden sich in Arbeitsgemeinschaften mit den Kommunen – müssen auf mehr Effizienz getrimmt werden. Basis dafür ist ein Drei-Jahres-Plan. Der Fortschritt, wie viel zusätzliche offene Stellen und wie viele Arbeitslose einen neuen Arbeitsvertrag in der Tasche haben, wird monatlich kontrolliert. Außerdem gehören auch anonyme Führungskräftebeurteilungen bis hin zu erfolgsabhängigen Boni zu den im öffentlichen Dienst ungewöhnlichen Personalsteuerungsinstrumenten.

Und auch wenn noch nicht alles rund läuft, so traut sich die BA dennoch inzwischen die Königsdisziplin der Personaldienstleistung zu: Managementposten neu zu besetzen. Dazu wurde jüngst eine Extra-Internetseite eingerichtet. Rund 2000 Managern wollen die gut 30 Experten der Fach- und Führungskräftevermittlung ZAV in den ersten neun Monaten 2010 neue Posten besorgt haben, auch wenn Details und Referenzen nicht genannt werden.

Wolfgang Lichius von der renommierten Personalberatung Kienbaum, selbst seit 30 Jahren im Geschäft und Vorsitzender des BDU-Personalerfachverbandes, stellt allerdings klar: „Die ZAV empfinden wir nicht als Konkurrenz. Das ist eine andere Welt.“

Neue BA-Kampagne hin oder her, Lichius' Begründung leuchtet ein: „Während die Mitarbeiter der Bundesagentur versuchen, ihre beiden Dateien mit Arbeitslosen und Arbeitgebern abzugleichen, um so möglichst rasch erstere zu leeren, sehen wir uns als ,Berater' von Unternehmen. Wir analysieren den jeweiligen Bedarf an Know-how und Persönlichkeit, erstellen Stellenprofile, schlagen Gehälter vor und begeben uns erst dann auf die Suche nach dem geeigneten Kandidaten.“ Der dann nicht selten aus seiner Festanstellung heraus abgeworben wird. Ach ja, und das Wort „Vermittlung“ ist für diese Spezies der Personaldienstleister tabu. (HB)

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