Wirtschaft : Arbeitsförderung im Land des „hire and fire“

US-Staaten zahlen sechs Monate Arbeitslosengeld – Bush-Regierung will Clintons Wohlfahrtsprogramme reduzieren

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Von Walter Pfaeffle, New York

Jedesmal wenn in den Vereinigten Staaten die Konjunktur einbricht, rollt eine Entlassungswelle über das Land. Zu tausenden trennen sich Unternehmen von Mitarbeitern. Wie lange man der Firma angehört hat, spielt keine Rolle. Zuletzt kündigte der Computer-Hersteller IBM an, dass bis Ende September rund 16 000 Stellen abgebaut würden müssten. Das Wachstum sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben, die Kapazitäten zu groß, so die Begründung.

Die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beruhen auf dem Prinzip „employment at will“, das den Arbeitgeber begünstigt: Arbeitnehmer können jederzeit gefeuert werden, solange keine Gesetze verletzt werden wie beispielsweise das Gesetz gegen Rassendiskriminierung. Wer ohne eigenes Verschulden seinen Job verliert, kann beim Staat Arbeitslosengeld beantragen, das in den meisten der 50 Einzelstaaten 26 Wochen lang gezahlt wird. Voraussetzung ist mindestens ein Jahr Betriebszugehörigkeit. Bei Großunternehmen wie IBM erhalten Mitarbeiter zusätzlich Abfindungen, meist eine Woche Lohn oder Gehalt für jedes Jahr der Betriebszugehörigkeit.

Um die Arbeitslosigkeit zu bewältigen, hat der US-Staat in den letzten Jahren verstärkt in Ausbildungs- und Umschulungskurse investiert. Über den Fall Amy Perry in Raleigh (US-Staat North Carolina) berichtete kürzlich eine amerikanische Tageszeitung. Mehrfach musste die Mutter von drei Kindern den Arbeitsplatz wechseln. So schlecht war die Bezahlung, dass sie ihre Kinder nicht ernähren konnte. Im Herbst vergangenen Jahres begann in Amys Leben ein neues Kapitel: Sie schrieb sich in einen vom Bundesstaat finanzierten Ausbildungskurs ein. In den folgenden vier Monaten lernte sie, einen Computer zu bedienen und andere Büroaufgaben. Der monatliche Scheck des Wohlfahrtsamtes kam weiter. Nach Abschluss des Kurses ging es auf Job-Suche. Im März fand sie Anstellung beim Versicherungskonzern Allstate als Büro-Managerin in Raleigh. Heute verdient Amy genug, sagt sie, um nicht mehr stempeln gehen zu müssen. North Carolina und Allstate teilen sich die Kosten für weitere Ausbildungskurse.

Amy Perry ist das Paradebeispiel der 1996 unter Präsident Clinton begonnenen Reform des Wohlfahrtssystems. „Der Fokus liegt auf Arbeitsplatzbeschaffung“, sagt Janet Glass, eine Mitarbeiterin im US-Arbeitsministerium in Washington. „Wir schicken nicht nur wie früher Schecks, sondern helfen den Menschen dabei, einen Job zu finden und unterstützen sie finanziell. Das ist der große Unterschied zur vorangegangenen Praxis". Kritiker hatten vor einer weiteren Verarmung der Minderbemittelten und einem Ansteigen der Obdachlosenzahl gewarnt. Dies ist nicht eingetreten. Dank der Reform konnte die Zahl der Wohlfahrtsempfänger in den Clinton-Jahren auf 5,4 Millionen Erwachsene und Kinder halbiert werden. Wer Arbeit findet, wird außerdem mit Steuernachlässen belohnt. Der Kongress wird das im September auslaufende Programms mit Sicherheit verlängern.

Doch die Bush-Administration und republikanische Kongressführer wollen die Inanspruchnahme von Wohlfahrtsgeldern erschweren, um die Zahl der Bezugsberechtigten weiter abzubauen. Dies könnte jedoch ins Auge gehen. Denn die Beteiligung der Unternehmen am so genannten „Workfare“ Programm ist letztes Jahr als Folge der Rezession um 0,8 Prozent zurück gegangen. Dadurch ging die Hälfte des seit 1996 erzielten Anstiegs verloren, stellte der Volkswirt Richard Bavier vom Amt für Management und Budget fest. Der Kongress hat für das workfare-Programm 16,5 Milliarden Dollar im Jahr genehmigt. Um die Zahl der Wohlfahrtsempfänger weiter zu senken, müsste das Budget aufgestockt werden, sagen Experten.

Das Thema Arbeitsplatzbeschaffung hat für Politiker in diesem Wahljahr oberste Priorität. In der Industrie sind als Folge der Rezession hunderttausende von Arbeitsplätzen verschwunden. Im Gesundheitswesen, in der Bauindustrie und im Dienstleistungsgewerbe werden Arbeitsplätze gesucht. Das US-Arbeitsministerium bringt Arbeitslose mit Unternehmen zusammen, die Leute brauchen. Ihre Ausbildung geht auf Kosten des Bundesstaates und der Lokalbehörden. Die Förderung von Jugendlichen läuft über das „Job Corps"-Programm.

Wer sein eigener Herr sein will, dem steht mit Rat und Tat die Small Business Administration (SBA) zur Seite. Die 1956 gegründete Behörde fördert Existenzgründungen mit Kreditbürgschaften. In Zusammenarbeit mit dem Wirtschafts- und Finanzministerium hilft die SBA bei der Beschaffung von Startkapital. Die Bedeutung von Kleinunternehmen in den USA kann nicht unterschätzt werden: Sie haben in den acht Jahren unter Präsident Clinton 25 Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten in den USA sind bei Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitern angestellt. Das Kreditvolumen der SBA liegt bei 46 Milliarden Dollar.

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