Wirtschaft : Arbeitslose Eidgenossen exportieren ihr Wissen

JAN DIRK HERBERMANN

GENF .Wer 47 Jahre alt ist und einen Job als Sprachwissenschaftler sucht, hat auch in der von Arbeitslosigkeit nicht so stark gebeutelten Schweiz keine guten Karten: Marc Winzer aus Zürich war so ein Fall.Ein Inserat der Ost-Management-Stiftung brachte die Wende."Sie sind zur Zeit stellenlos, zwischen 30 und 60 Jahre alt, verfügen über eine gute Fachausbildung und solide Berufspraxis." Voraussetzungen, die Winzer problemlos erfüllte.Jetzt geht Winzer nach Klaipeda, einer Hafenstadt in Litauen, wo er als Deutsch- und Englischlehrer arbeiten und ein Konzept für neue Unterrichtsmethoden entwerfen soll.

Winzer ist einer von rund 320 arbeitslosen Schweizern, die von der St.Gallener Stiftung seit 1996 nach Osteuropa geschickt wurden.Ob als Forstwirte oder bei der psychatrischen Pflege in Tschechien, beim Umweltschutz oder der Stadt- und Regionalplanung in Polen, in der Informatik oder beim Marketing in Ungarn: Die schweizerischen Experten sind während ihres halbjährigen Aufenthalts gern gesehene Gäste.Über 70 Prozent der osteuropäischen Institutionen oder Firmen "äußern hohe Zufriedenheit" über den Wissenstransfer, wie Otto Götsch von der Management-Stiftung berichtet.Wichtigstes Ziel aus Schweizer Perspektive ist jedoch, daß "die Teilnehmer eine ihren beruflichen Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit ausüben, die ihre Chancen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt steigen läßt".Tatsächlich fanden rund die Hälfte der eidgenössischen Helfer innerhalb sechs Monate nach dem Einsatzende wieder eine bezahlte Arbeit oder machten sich selbständig.Zwar wird die Arbeitslosenstatistik mit den fast 115 000 Gemeldeten (Quote: 3,2 Prozent) nur minimal korrigiert, für die Betroffenen aber ist die quälende Zeit ohne Job vorbei."Ein tolles Gefühl", versichert ein Teilnehmer.Auch können sich Rückkehrwillige melden, die in ihrer Heimat eine berufliche Existenz aufbauen wollen: So wurde etwa ein junger Tierarzt aus Kroatien während der Anlaufphase seiner Praxis in dem Balkanland unterstützt.Der Startschuß für das Programm fiel 1996: Nach einer zweijährigen Testphase erteilte das Berner Bundesamt für Wirtschaft und Arbeit (BWA) die Bewilligung als gesamtschweizerisches Projekt und beauftragte die private Ost-Management-Stiftung mit der Durchführung.Bezahlt werden die Teilnehmer von der Arbeitslosenversicherung.Entsprechend der Ausbildung und Erfahrung verdienen die Helfer zwischen 2800 und 3800 Schweizer Franken im Monat - Löhne, die mindestens den Tagegeldsätzen für Arbeitslose entsprechen."Die zur Zeit 13 Partner in den Gastländern tragen die Kosten für eine angemessene Unterkunft und die direkt mit der Arbeit verbundenen Ausgaben wie Spesen oder Arbeitsmaterial", erklärt Götsch von der Stiftung.Damit alles mit rechten Dingen zugeht, überwachen die beiden Koordinationsstellen der Ost-Management-Stiftung die "Projektabwicklung vor Ort und in der Schweiz".Zudem durchleuchten die Eidgenossen die Buchhaltungen.Insgesamt laufen die Projekte bisher so reibungslos, daß ein "Ende unserer Arbeit nicht absehbar ist", wie Götsch betont.Der Erfolg des Schweizer Programmes hat sich mittlerweile auch über die Landesgrenze herumgesprochen.Allein in den vergangenen vier Monaten fragten drei Organisationen aus Deutschland bei Götsch an: Wie funktioniert das bei euch?

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