Wirtschaft : Arbeitslose im Feldversuch

Die Bundesagentur für Arbeit hat bisher 8600 Freiwillige gefunden, die bei der Ernte helfen wollen

Cordula Eubel,Dagmar Rosenfeld

„Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt“ – so geht ein altes Volkslied. In diesem Erntejahr müsste es heißen: „Im Märzen der Münte die Arbeitslosen einspannt.“ Denn die Bundesregierung will einen Teil der osteuropäischen Erntehelfer durch deutsche Arbeitslose ersetzen. Fünf Millionen Arbeitslose und 325 000 Genehmigungen für Saisonkräfte aus Mittel- und Osteuropa im vergangenen Jahr passen nicht zusammen, findet Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD). Deswegen soll in der bevorstehenden Erntezeit mindestens jede zehnte Saisonkraft aus Deutschland kommen.

Für die Arbeitsagenturen heißt das, sie müssen bundesweit 32 000 Arbeitslose auf die Äcker schicken. „Ein ehrgeiziges Ziel“, sagt Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA). Zumal der Bewerberpool, den die Nürnberger Behörde gebildet hat, Anfang Februar erst 8600 Kandidaten zählte – was allerdings auch daran liegt, dass noch nicht für die Weinlese gesucht wird. Weil die Landwirte eine Garantie bräuchten, dass ihre Ernte auch auf den Markt komme, wie Alt sagt, finanziert die BA Trainingsmaßnahmen.

Die Arbeitsagenturen haben also eine Menge zu tun, damit der Feldversuch der Bundesregierung funktioniert. Was dort nun geleistet wird, muss man sich wie ein groß angelegtes Casting vorstellen, eine Art Deutschland sucht den Super-Erntestar. Die Arbeitsagentur Potsdam zum Beispiel, die für den Großraum Werder zuständig ist, muss rund 1500 heimische Erntehelfer finden. „Um die vorgegebene Quote zu erreichen, müssen wir die Akten aller 54 000 Menschen, die bei uns arbeitslos gemeldet sind, sichten“, sagt Agenturchefin Edelgard Woythe. Schließlich sei ein Teil der Arbeitslosen körperlich und gesundheitlich nicht in der Lage, Feldarbeit zu verrichten. „Und nicht jeder Arbeitslose, der sich als Erntehelfer bewirbt, hält diesen Job durch“, sagt Woythe. Daher werden alle Bewerber geprüft, damit die Bauern am Ende nicht auf ihrer Ernte sitzenbleiben. Die Potsdamer Agentur hat damit einen externen Dienstleister beauftragt, und dessen Bilanz ist ernüchternd: Von 560 Kandidaten erwies sich am Ende nur jeder sechste als fähig für die Erntearbeit.

In der rheinland-pfälzischen Region um Landau, die zu den fünf größten Anbaugebieten Deutschlands gehört, müssen Arbeitslose einen richtigen Erntehelfertest absolvieren. Als Erstes geht es ins Grüne, da steht dann Waldpflege auf dem Programm. „Diese Arbeit ist ähnlich hart wie die auf dem Feld“, erklärt Jürgen Czupalla, Direktor der Arbeitsagentur Landau. Wer durchhält, bekommt anschließend eine Qualifizierungsmaßnahme, er kann zum Beispiel den Treckerführerschein machen. Erst dann wird der Bewerber in einen landwirtschaftlichen Betrieb vermittelt. 300 Arbeitslose haben bei der Agentur Landau Interesse an einem solchen Trainingsprogramm angemeldet. Nur scheinen hier die Bauern keinen allzu großen Wert auf heimische Arbeitskräfte zu legen: Nur 25 Vermittlungsaufträge sind bisher bei der Arbeitsagentur eingegangen, die Einstellungsphase für die Spargelernte beginnt aber bereits im März. „Die Bauern suchen nach Wegen, die vorgeschriebene Quote zu umgehen“, sagt Czupalla. Solche Wege gibt es – und sie sind legal. „Eine Saisonkraft aus dem Ausland kann zum Beispiel mehrmals geholt werden“, sagt Czupalla. Zudem gibt es auch noch eine Härtefallregelung, die der deutsche Bauernverband erstritten hat. Im Notfall kann die Internationale Arbeitsvermittlung ZAV im Schnellverfahren zusätzliche Saisonkräfte aus dem Ausland vermitteln. Das dauert in der Regel zehn Tage.

Für die Bauern im brandenburgischen Beelitz wäre diese Regelung nicht nötig gewesen. „Die Zehn-Prozent-Quote haben wir schon in den vergangenen Jahren erfüllt“, sagt Manfred Schmidt vom Beelitzer Spargelverein. Dabei haben Erntehelfer aus Polen hier Tradition. „Schon vor 100 Jahren haben Saisonkräfte aus Osteuropa auf unseren Feldern gearbeitet“, erzählt Schmidt. Die Beelitzer haben sie „Spargelfliegen“ genannt, weil sie wie die Zugvögel übers Land kamen – und ohne sie die Ernte nicht zu schaffen war.

Das ist bis heute so. Denn in Beelitz werden deutsche Erntehelfer meist für Zuarbeiten eingesetzt wie den Transport, das Sortieren oder den Verkauf, sagt Bauer Schmidt. Zudem wären heimische Arbeitskräfte zu teuer. Der tarifliche Stundenlohn für Spargelstecher liegt in Beelitz bei 3,70 Euro. Hinzu kommt eine Prämie, die nach der Tagesleistung bemessen wird. Bei dem Verdienst lohnt es sich für die meisten Arbeitslosen nicht, aufs Feld zu gehen, denn ihr Einkommen wäre geringer als die Leistungen, die sie beziehen. Damit ein Anreiz besteht, legen die Behörden etwas drauf: In Potsdam sind es für Langzeitarbeitslose 18 Euro am Tag, für Arbeitslosengeld-I-Bezieher 25 Euro.

Aber vielleicht nehmen sich die deutschen Arbeitslosen ja die Worte des Vizechefs der Bundesagentur zu Herzen: „Ich empfehle jedem Arbeitslosen, der körperlich geeignet ist, auf dem Feld tätig zu werden“, sagt Alt. „Wer bei einem Vorstellungsgespräch sagen kann, dass er sich nicht zu schade war, mal vier Wochen Spargel zu stechen, kann damit punkten.“

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