Arbeitslose Jugendliche : "Vielleicht weiß ich jetzt, was ich will"

300.000 Jugendliche sind ohne Job. Der Tagesspiegel begleitet mit Mike und Marcel zwei Berliner seit einem Jahr, um zu erfahren, wo die Probleme liegen. Ein Update.

von
Illustration: Birgit Lang

Ende Mai 2012 erschien im Tagesspiegel eine Langzeitreportage unter dem Titel „Warum finden Jugendliche keine Arbeit?“. Sechs Monate begleiteten wir dafür zwei junge Berliner auf ihrer Suche nach einem Job und Orientierung zu Ämtern und Bewerbungsgesprächen. Wir beschrieben Hindernisse und Versäumnisse, um herauszufinden, wer die „verlorene Generation“ ist, vor der die Internationale Arbeitsorganisation angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa warnt. Ein halbes Jahr später besuchen wir die beiden Protagonisten der Geschichte erneut. mho

Es ist ein Dienstag im November und der Himmel über Hellersdorf ist so trübe wie Mikes Gemüt. Der 24-Jährige sitzt in einem von Plattenbauten eingekesselten Chinarestaurant und guckt dem Zigarettenverkäufer zu, der draußen in der Kälte seinen illegalen Geschäften nachgeht. Auch eine Form von Arbeit. Mike atmet aus.

Seine Arbeit ist Mike seit ein paar Wochen wieder los und damit erneut einer von den gut 300 000 deutschen Jugendlichen ohne Job, die die Bundesagentur für Arbeit kürzlich gemeldet hatte. Als wir uns vor einem halben Jahr das letzte Mal trafen, hatte Mike nach einer abgebrochenen Ausbildung und Monaten ohne Beschäftigung gerade bei einer Medizintechnikfirma angefangen und baute Katheter für Herz-Operationen. Besonders viel Freude hatte er daran aber nie, weswegen er nicht besonders traurig war, als er Mitte August gefragt wurde, ob er nicht vielleicht aufhören wolle. „In dem Betrieb wurden einige Abteilungen zusammengelegt“, erzählt er. Danach sollten Stellen wegfallen. Zwar hat man ihm einen anderen Posten im Unternehmen angeboten, bei dem er dann Herzschrittmacher zusammengebaut hätte, aber das wollte er nicht. „Das wäre ja noch schlimmer gewesen. Noch kleinere Teile. Und dann kann man dabei nicht mal rumlaufen oder reden.“

Nun bleibt Mike morgens eben wieder zu Hause. Besser gesagt, bei seiner Freundin, die hier gleich um die Ecke wohnt. Fast alles, was er täglich braucht, hat er aus seiner in ihre Wohnung herübergeschafft. „Die ist größer“, sagt er. Seine Freundin ist Kindergärtnerin und gerade bei der Arbeit. Um sieben ist sie aus dem Haus, Mike um zehn aus dem Bett. „Ich weiß“, sagt er verlegen, „das muss besser werden, aber gerade hänge ich wieder ziemlich durch.“

Von Marcel kann man das nicht behaupten. Der 20-Jährige, der wie Mike eigentlich anders heißt, wirkt deutlich weniger schüchtern als im Mai. Seine müslischalengroßen Kopfhörer trägt er immer noch, seine langen Haare sind inzwischen hellblond. „Ein Freund hatte die Farbe übrig und meinte, ich solle das mal probieren“, erzählt er, während er in einem Einkaufscenter in Hohenschönhausen zielstrebig den Verkaufstresen einer Sandwich-Kette ansteuert. Einfach mal etwas probieren. Der Satz klingt harmlos. Doch vor ein paar Monaten wäre Marcel das noch nicht so leicht gefallen.

Bei unserem letzten Treffen im Sommer hatte Marcel sich bei einem Oberstufenzentrum beworben und hoffte, dort sein Fachabi und eine Ausbildung zum Medienassistenten machen zu können, um irgendwann Computerspieledesigner zu werden. Er hat den Platz bekommen. „Seit August gehe ich wieder täglich zur Schule“, sagt er. Ob es so sei, wie er gehofft habe? „Viel besser!“ Er müsse sich kaum anstrengen und bekomme trotzdem lauter Einsen. „Dass ich einmal Klassenbester sein werde, nachdem ich vor ein paar Jahren das Abi geschmissen habe, hätte ich auch nicht gedacht.“ Er muss grinsen. Woher der neue Elan kommt, kann er nicht so recht erklären. „Vielleicht weiß ich jetzt einfach, was ich will“, sagt er.

Was will ich eigentlich? Mit der Antwort auf diese große Frage haderten Marcel und Mike jahrelang – wie zig andere arbeitslose Jugendliche auch. „Dass ich darüber nicht mehr nachdenken muss, ist jedenfalls eine Riesenerleichterung“, sagt Marcel und kaut genüsslich an seinem Sandwich.

Auch Mike erklärt, er wisse jetzt, was er will, aber so richtig traut er der Sache nicht. Zu oft schon hatte er gedacht, er wisse, was er möchte, und stellte dann nach ein paar Wochen fest, dass er sich geirrt hatte. „Wenn ich mir angucke, wo ich vor einem Jahr war, und wo ich jetzt bin, bekomme ich häufig Angst, dass alles immer wieder von vorne losgeht“, sagt er und rutscht auf dem Stuhl hin und her. Nachdem er bei der Medizintechnikfirma aufgehört hatte, dachte er kurz über eine Ausbildung als Automatentechniker nach, aber da gibt es in Berlin genau einen Ausbildungsplatz, und den hat er nicht bekommen. Was er jetzt im Blick hat, ist Internetmarketing. „Ich baue gerade selbst ein paar Internetseiten auf und übe, wie man die für die Suchmaschinen optimiert“, erzählt Mike. Wenn er darüber redet und mit Fachbegriffen hantiert, nimmt man ihm ab, dass er weiß, wovon er spricht. Er hat sich auch ein paar Unternehmen rausgesucht, bei denen er ein Praktikum machen könnte. „Die Bewerbungen schicke ich noch diesen Monat raus“, sagt er. Fragt man ihn, warum er das nicht schon längst gemacht hat, zuckt er mit den Schultern „Weiß nicht“, antwortet er dann entschuldigend. „So bin ich halt.“

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