Wirtschaft : Arbeitslose tragen die Last der Asienkrise

JAN-DIRK HERBERMANN

GENF .Für die krisengeschüttelten Volkswirtschaften Asiens besteht laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) kurzfristig keine Hoffnung auf Erholung.Der ILO zufolge müssen vornehmlich Arbeitnehmer und Arbeitslose die Last der ökonomischen Schwierigkeiten tragen.Eine Rückkehr zur annähernden Vollbeschäftigung, in den vergangenen 30 Jahren ein Markenzeichen des asiatischen Wirtschaftswunders, schließt die ILO vorläufig kategorisch aus.Allein in Indonesien würden 40 Millionen Menschen in diesem Jahr unter die Armutsgrenze fallen.Die Arbeitslosenrate auf dem Inselreich sei von rund fünf Prozent vor Ausbruch der Krise im August 1997 auf jetzt 15 Prozent angeschwollen.Für Südkorea erwartet die ILO, daß rund zwölf Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze sinken würde.In Thailand würde sich das Problem der Armut ebenfalls verschärfen: Mehr als ein Drittel der Bevölkerung müsse offiziell als arm eingestuft werden.

Als Sofortmaßnahme drängt die ILO die Regierungen der Region, leistungsfähige Arbeitslosenversicherungen aufzubauen.Lösungen für die Krise erforderten "mutige Schritte, insbesondere vermehrte Ausgaben im Sozialbereich, um damit die schlimmsten gesellschaftlichen Folgen der Krise zu bekämpfen", betont der Verfasser der Studie, der ILO-Ökonom Eddy Lee.Lee äußert die Hoffnung, daß die Krise als eine Initialzündung für die Etablierung eines neuen Gesellschaftsmodells fungieren könne.Neben der rein finanzwirtschaftlichen und ökonomischen Dimension der Krise müsse verstärkt die soziale Dimension des Problems ins Blickfeld rücken.Unter den von der ILO beobachteten Staaten oder ökonomischen Einheiten Indonesien, Thailand, Hongkong und Südkorea würde nur Südkorea entlassenen Arbeitnehmern eine Unterstützung zukommen lassen.Allerdings sei diese eher bescheiden und kurzfristig.Neben einer funktionierenden Arbeitslosenversicherung müsse den Arbeitnehmern auch das Recht garantiert werden, Gewerkschaften zu gründen.In einem früheren Bericht hatte die ILO die repressive Politik gegenüber Gewerkschaften in der Region beklagt: Nur vier von zwölf Ländern haben die ILO-Konvention zur Vereinigungsfreiheit unterzeichnet.

In dem Bericht verwirft die ILO die Meinung, daß spezielle "asiatische Werte" in scharfem Widerspruch zu universell akzeptierten Bürgerrechten stünden.Die "asiatischen Werte", die der sozialen Harmonie einen höheren Stellenwert einräumen als individuellen Rechten, seien in der Regel von autoritären Regierungen formuliert worden.Sie entsprächen in keiner Weise dem Willen der Völker.Die Auffassung, daß Vetternwirtschaft und Korruption die Hauptursachen der Asienkrise gewesen seien, wird von der ILO nicht geteilt.Der sogenannte Crony Capitalism sei allenfalls ein Element in einer langen Kette von Ursachen.Verursacht sei die Krise durch exzessive staatliche Eingriffe in die Wirtschaft.Diese hätten unter anderem zu Monopolen geführt, zur hohen Verschuldung im Ausland, den wenig entwickelten Finanzmärkten und der schwach ausgeprägten Bankenaufsicht.

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