Arbeitslosengeld Q : Auf der Suche nach dem richtigen Kurs

Martin Schulz will mit dem Arbeitslosengeld Q die Weiterbildung stärken. Kritiker halten sie in vielen Fällen für reine Zeitverschwendung.

Eine Maßnahme der Arbeitsagenturen sind Weiterbildungen.
Eine Maßnahme der Arbeitsagenturen sind Weiterbildungen.Foto: dpa

Stehen zehn Deutsche zusammen, und werden nach der Arbeitswelt im Jahr 2030 gefragt, dann sagen neun: Nur noch einen Beruf lernen – das wird nicht mehr reichen. Der Hauptgrund dafür ist die Digitalisierung. Sollte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz die Bundestagswahl im Herbst gewinnen, will er deswegen Qualifizierung und Weiterbildung einen höheren Rang einräumen. So sollen Arbeitslose länger Arbeitslosengeld I bekommen, wenn sie sich weiterqualifizieren.

Momentan befinden sich 929 000 Erwerbslose in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen; fast jeder Fünfte macht eine Weiterbildung. 2016 hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) dafür 1,15 Milliarden Euro ausgegeben. Arbeitsmarktexperten unterstreichen gerne die Bedeutung der Qualifizierung. Wie erfolgreich die Angebote der BA sind, überprüft sie selbst regelmäßig. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt zu folgenden Ergebnissen: Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung bei einem Träger sind meist von kurzer Dauer und nur mäßig effektiv. Berufliche Weiterbildungen wirkten sich dagegen positiver aus. Die Chance, einen Job zu finden, steigt um bis zu 14 Prozent. Die BA misst außerdem, wie viele Teilnehmer einer Maßnahme sich sechs Monate danach in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung befinden. Die Quote aller Instrumente lag zuletzt bei rund 47 Prozent, bei Weiterbildungsabsolventen waren es 54 Prozent.

Zielgenauere Förderung als vor 20 Jahren

Kritiker bemängeln, dass Weiterbildung häufig reine Zeitverschwendung sei, weil sie an den Bedürfnissen der Betriebe vorbei ginge. „Einige vom Bund finanzierte Arbeitsförderungsmaßnahmen weisen kaum positive Wirkungen auf“, sagt Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler. „Gerade bei den Qualifizierungsmaßnahmen haben wir in letzter Zeit viel Verschwendung und mangelnde Effizienz feststellen müssen.“ Ein anderer Vorwurf: BA-Mitarbeiter würden Kunden bloß eine Weiterbildung empfehlen, um die Arbeitsmarktstatistik zu schönen.

Holger Bonin arbeitet unter anderem für das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Er hat beobachtet, dass sich die Qualitätskontrolle der BA in den vergangenen Jahren deutlich verbessert habe. Arbeitsagenturen, Jobcenter und Bildungsträger würden inzwischen bewertet. Wer nicht erfolgreich sei, müsse dies erklären. „Dadurch sind schlechte Träger mittlerweile vom Markt verschwunden“, sagt Bonin. „Auch wenn es natürlich immer noch Beispiele von sinnlosen Bewerbungskursen gibt.“ Im Sommer soll ein Online-System eingeführt werden, mit dem auch Kunden Bildungsträger bewerten können. Auch Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) meint: „Wir fördern mittlerweile wesentlich selektiver und zielgenauer als vor 20 Jahren.“

Weiterbildung könnte Entfremdung verstärken

Die Gesamtkosten für das Arbeitslosengeld Q beziffert Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) auf rund eine Milliarde Euro pro Jahr. Anreize für mehr Weiterbildung zu schaffen, halten Experten im Prinzip für richtig. Bonin sagt allerdings: „Man muss nicht jemanden qualifizieren, wo es nicht nötig ist.“ Ein hochqualifizierter Akademiker von 35 Jahren sei vielleicht nicht arbeitslos geworden, weil ihm bestimmte Qualifikationen fehlten, sondern weil sein Arbeitgeber finanzielle Probleme bekam und ihn deswegen entlassen musste. Und wenn jemand nach einem Jahr Arbeitslosigkeit noch keine neue Stelle gefunden habe, könnte das Konzept der SPD dazu führen, eher eine Weiterbildung zu beginnen, anstatt sich einen neuen Job zu suchen.

Außerdem gilt: Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto schwieriger wird die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt. Die Maßnahme hat einen dem Ziel dann nicht näher gebracht – im Gegenteil. Ein Argument, dass schon in der Vergangenheit verwendet wurde, wenn die Wirksamkeit von Weiterbildungen infrage gestellt wurde.

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