Wirtschaft : Arbeitslosigkeit kann in fünf Jahren halbiert werden

BONN (dr). Die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik läßt sich innerhalb von fünf Jahren halbieren, innerhalb von zehn Jahren sogar unter die Marke von einer Millionen Menschen drücken und somit praktisch beseitigen. So die Aussage des Chefvolkswirts der Dresdner Bank, Klaus Friedrich, am Dienstag vor der Presse in Berlin. Voraussetzungen seien aber lohnpolitische Zurückhaltung, niedrigere Steuersätze für Unternehmen und Haushalte, eine Qualifizierungsoffensive für Langzeitarbeitslose, die Flexibilisierung der Arbeitszeit und schließlich die Erprobung von Kombi-Lohn-Modellen und eine Geldpolitik der ruhigen Hand. Die Europäische Zentralbank müsse bei ihren Entscheidungen auf jeden Fall den Kurs des Euro ignorieren.

Friedrich, der eine Studie "Vollbeschäftigung in Deutschland" vorstellte, räumte ein, daß es keinen "Königsweg" gebe. Das vorgelegte Szenario zeige aber, daß die Probleme am Arbeitsmarkt zu bewältigen seien. Und dies, ohne daß man in Deutschland "besondere Klimmzüge machen" müsse. Friedrich zeigte sich beeindruckt von dem Vorhaben von Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD), die Staatsausgaben um 30 Mrd. DM zu kürzen. Ob ihm dies gelinge, sei aber schwer zu beurteilen. Der Schwachpunkt sei der politische Wille. "Wir haben immer noch ein Parlament von Umverteilern", kritisierte der Chefvolkswirt. Deutschland laufe Gefahr das Vorhaben wieder "zu zerreden", dabei sei es höchste Zeit die fiskalische Konsolidierung über Ausgabenkürzungen voranzutreiben.

In ihrer Studie empfehlen die Banker künftige Lohnsteigerungen strikt an die Produktivitätsentwicklung und die Exportfähigkeit (Terms of Trade) zu koppeln. Lohnzurückhaltung heiße aber nicht Lohndumping, wurde betont. Die Nettoeinkommen sollten jedoch in den kommenden Jahren stärker steigen als die Bruttoeinkommen. Dies sei nur über eine Senkung der Steuerbelastungen und der Lohnnebenkosten zu erreichen.

Friedrich zeigte sich überzeugt, daß sich ein Beschäftigungsanstieg auch in den Neuen Ländern erreichen lasse. Zwar werde es dort in fünf Jahren noch nicht zu einer Halbierung der Arbeitslosenzahl kommen, doch in zehn Jahren sei die wirtschaftliche Wiedervereinigung vollbracht. Ein Anfang sei bereits gemacht. Die Lohnstückkosten in der ostdeutschen Industrie lägen bereits fast auf westdeutschem Niveau.

Zum Teil wird die Verbesserung am Arbeitsmarkt allerdings auch eine Folge der demographischen Entwicklung sein. Nach den Berechnungen der Volkswirte der Dresdner Bank wird das Arbeitskräfteangebot um jährlich etwa 100 000 Personen sinken. Dies werde die Abeitslosenzahl in fünf Jahren auf 35 Millionen und in zehn Jahren auf 3,25 Millionen Menschen drücken. Friedrich warnte aber davor, daß die Politiker nicht handeln, sondern sich diese Entwicklung als ihren Erfolg an die Brust heften würden. Ohne die richtigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen werde sich aber die Schere zwischen den Erwerbswünschen und den angebotenen Stellen nicht schließen lassen.

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