Wirtschaft : Arbeitsmarkt: Abbau der Arbeitslosigkeit im Mai langsamer

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Die Bundesanstalt für Arbeit rechnet für das Jahr 2001 nun doch mit mehr Arbeitslosen als zum Jahresbeginn angenommen. "Wir gehen von 3,7 Millionen Arbeitslosen im Jahresschnitt aus", sagte der Vizepräsident der Nürnberger Bundesanstalt, Heinrich Alt, am Donnerstag in Nürnberg. Bisher war die Behörde von 3,6 bis 3,65 Millionen ausgegangen. Grafik:
Arbeitslosenquoten im Mai 2001
Zahl der Arbeitslosen Im Mai sank die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland saisonbedingt lediglich um 147 100 auf 3,73 Millionen. Vor einem Jahr hatte die Frühjahrbelebung im Mai zu einem Rückgang der Jobsucher um fast 200 000 geführt. In den vergangenen sechs Jahren war die Mai-Arbeitslosenzahl im Schnitt um 165 000 zurückgegangen. "Das Wirtschaftswachstum ist derzeit nicht stark genug, um den Arbeitsmarkt zu beleben", sagte Alt. Bereinigt um jahreszeitliche Effekte steige die Arbeitslosenzahl den fünften Monat in Folge. Bis zum Ende der Sommerpause seien keine großen Impulse mehr zu erwarten, erklärte Alt. Allerdings bestehe bei dem von der Bundesregierung erwarteten zweiprozentigen Wirtschaftswachstum für das Jahr 2001 "Hoffnung auf einen ordentlichen Herbst". Alt: "Wenn die Ölpreissteigerung verkraftet und die BSE-Krise beendet ist, können wir vielleicht wieder mit besseren Zahlen im zweiten Halbjahr rechnen." Das vom Bundeskanzler gesetzte Ziel, die Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr auf durchschnittlich 3,5 Millionen zu drücken, halte er für "machbar, aber ehrgeizig". Alt vertrat urlaubsbedingt den Präsidenten der Bundesanstalt, Bernhard Jagoda.

Kaum verändert blieb auch im Mai die Kluft zwischen den Arbeitsmärkten in West- und Ostdeutschland. In den alten Bundesländern waren 2,385 Millionen Menschen arbeitslos, in den neuen Ländern wurden rund 1,336 Millionen Menschen ohne Job gezählt. Im Westen lag die Quote im Mai bei 7,1 Prozent, im Osten bei 17,0 Prozent. Saisonbereinigt sei die Arbeitslosigkeit im Westen um 12 000 und im Osten um 6000 gestiegen. Im Osten liege es fast nur an der anhaltenden Krise der Bauwirtschaft.

Zweifel an der Erreichbarkeit des Ziels von 3,5 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2002 kamen auch von Konjunktur-Experten. Fünf von sechs Wirtschaftsforschungsinstituten bezweifeln, dass das Ziel im Wahljahr 2002 noch erreicht werden kann. Noch im Frühjahrsgutachten hatten die Institute die Absenkung der Arbeitslosenzahl auf 3,5 Millionen für möglich gehalten.

Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) beurteilte die Entwicklung am Arbeitsmarkt trotzdem als "weiterhin positiv." Die Arbeitslosigkeit sinke seit dem Regierungsabtritt kontinuierlich. "Allerdings hat sich der erfreuliche Trend im Mai 2001 abgeschwächt", sagte Riester am Donnerstag. Dies sei in erster Linie Folge der abgekühlten Weltkonjunktur. Die Oppositionsparteien warf der Bundesregierung dagegen Versagen auf der ganzen Linie vor. Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft sei "von Rot-grün durch rückwärts gerichtete Reformen speziell im Bereich der Arbeitsmarktpolitik in atemberaubend kurzer Zeit zum Erliegen gebracht worden", kritisierte der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Peter Rauen. Der stellvertretende FDP-Partei und Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle forderte zur Konjunkturbelebung ein "Blitzprogramm für mehr Wachstum und Beschäftigung".

Mehr Jobs in Berlin und Brandenburg

In der Region Berlin-Brandenburg ist die Zahl der Arbeitslosen im Mai deutlich gesunken. Erstmals in diesem Jahr wurden weniger als eine halbe Million Arbeitslose registriert, teilte das Landesarbeitsamt am Donnerstag in Berlin mit. Allerdings werde die Entwicklung von einer abgeschwächten Konjunktur "merklich beeinträchtigt". In Berlin verringerte sich die Zahl der Arbeitslosen im Mai um 4900 auf 267 400. Die Arbeitslosenquote sank im Mai um 0,6 Prozentpunkte auf 15,7 Prozent. Das sind 0,1 Prozentpunkte weniger als vor zwölf Monaten. In Brandenburg ging die Erwerbslosenzahl im Mai um 9100 auf 230 500 zurück. Das sind 6400 Arbeitslose mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote nahm um 0,8 Prozentpunkte auf 17,1 Prozent ab. Bei den brandenburgischen Städten hatte Potsdam mit 10,2 Prozent die niedrigste und Prenzlau mit 24,8 Prozent die höchste Erwerbslosenquote. Ein Rückgang der Arbeitslosigkeit war im Mai in fast allen Berufsgruppen zu verzeichnen, besonders deutlich war er in den Außenberufen, im Metall- und Elektrobereich, bei den Einzelhandelskaufleuten, bei Bürofachkräften und Kraftfahrern.

Aus Anlass der Bekanntgabe der neuesten Arbeitsmarktdaten fand in 70 Städten ein "Protesttag" statt, mit dem sich Erwerbslose gegen den Vorwurf der Faulheit wehrten.Die Gewerkschaften beteiligten sich in vielen Regionen an dem Protestaufruf unter dem Motto "Arbeislose fördern - nicht verurteilen". Vor dem Berliner Reichstag demonstrierten den Angaben zufolge mehr als 200 Teilnehmer. In einigen Städten posierten Erwerbslose provokativ in Liegestühlen.

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