Arbeitsmarkt : Alle reden von Vollbeschäftigung

Dass die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland unter die Marke von drei Millionen gesunken ist, hat die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung genährt – aber erst ab 2020.

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Berlin - Dass die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland unter die Marke von drei Millionen gesunken ist, hat die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung genährt. Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), und Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) nannten das Ziel am Donnerstag realistisch. Weise warnte aber vor zu viel Euphorie und sagte, er halte Vollbeschäftigung erst ab dem Jahr 2020 für möglich.

Im Oktober ist die Zahl der Arbeitslosen im Land auf 2,945 Millionen gesunken, den niedrigsten Stand seit 18 Jahren. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte es sich nicht nehmen lassen, das bereits am Vortag zu verkünden. Am Donnerstag kam die Bundesagentur mit den Details. Die waren auch für die Region erfreulich. So ist die Arbeitslosenquote in Brandenburg erstmals seit der Wiedervereinigung unter die Marke von zehn Prozent gesunken. Berlin verzeichnete mit 12,8 Prozent die geringste Arbeitslosenquote in einem Oktober seit 15 Jahren, hat damit aber noch immer den schlechtesten Wert aller Bundesländer.

Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der BA sagte, die gute wirtschaftliche Entwicklung habe einen erheblichen Anteil an der niedrigen Quote in Brandenburg. Sie warnte jedoch vor der demografischen Entwicklung: „Immer weniger Jugendliche kommen auf den Arbeitsmarkt, und das stellt uns vor große Herausforderungen für die zukünftige Sicherung des Fachkräftebedarfs.“ Die Berliner Arbeitssenatorin Carola Bluhm (Linke) forderte die Bundesregierung auf, keine Kürzungen bei der Arbeitsmarktpolitik vorzunehmen. „Den Fachkräftebedarf der Zukunft können wir nur decken, wenn wir mehr und nicht weniger dafür tun, Arbeitslose zu qualifizieren“, sagte Bluhm.

Die überraschend günstige Entwicklung des Arbeitsmarkts entlastet den Haushalt der Bundesregierung bis Jahresende um gut zehn Milliarden Euro. Wie Weise sagte, meldete die BA dem Bund zuletzt einen Zuschussbedarf in Höhe von 6,9 Milliarden Euro. Zu Jahresbeginn hatte der noch bei 17 Milliarden Euro gelegen. Im Dezember und Januar erwartet Weise wieder einen Anstieg der Arbeitslosenzahl auf mehr als drei Millionen. Dies hänge davon ab, wie der Winter verlaufe.

„Wenn wir alles richtig machen, ist Vollbeschäftigung in den nächsten Jahren möglich“, meint Joachim Möller, Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das zur BA gehört. In der Volkswirtschaft sprechen viele Experten bereits bei einer Arbeitslosenquote von weniger als fünf Prozent von Vollbeschäftigung. Diese sei aber kein Selbstläufer, mahnte Möller. Deutschland habe ein Strukturproblem: Es gebe einen hohen Bedarf an Qualifizierten und zugleich ein hohes Angebot an Geringqualifizierten. „Mancherorts sind die Arbeitsmärkte leer gefegt, in anderen Gegenden gibt es kaum Stellen“, sagte Möller. „Deshalb schlägt nun die Stunde der Arbeitsmarktpolitik.“

Auch das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut sieht „Vollbeschäftigung in Reichweite“. Von entscheidender Bedeutung sei aber eine deutliche Reduktion der Langzeitarbeitslosen. Unter diesen befänden sich besonders viele Geringqualifizierte und Alleinerziehende. Daher seien neben einer angemessenen Lohnpolitik Verbesserungen bei der Bildung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nötig. Corinna Visser

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