Wirtschaft : Arbeitsmarkt: Bayern sucht Fachkräfte in Berlin und Brandenburg

Renate Hirsch

In Süddeutschland gibt es zu wenig Arbeitslose, Unternehmen aus Baden-Württemberg und Bayern beklagen einen Mangel an Arbeitskräften. Süddeutsche Arbeitsämter können den Firmen nur schwer Arbeitslose vermitteln, da die Arbeitslosenquote in einigen Gegenden unter drei Prozent liegt. Ganz anders sieht die Situation etwa in Berlin und Brandenburg aus. Hier zählt das Landesarbeitsamt bis 16 Prozent Arbeitslose. "Arbeitslose müssen mobiler werden", folgert deshalb Herbert Gescheidle vom Landesarbeitsamt Baden-Württemberg. Nur wenige Arbeitslose aus Berlin und Brandenburg seien bereit, in Süddeutschland eine Stelle anzunehmen. "Das muss sich ändern." Deshalb lud das Landesarbeitsamt Berlin-Brandenburg kürzlich fünf süddeutsche Arbeitsämter ein, damit sie vor Ort nach Arbeitskräften suchen konnten. Auf einer Stellenbörse informierten sich Interessenten über Arbeitsplatzangebote in Aalen, Heilbronn, Lörrach, Ludwigsburg und Rottweil. Gesucht wurden Ingenieure, Informatiker und Pflegekräfte. Schon am ersten Tag der dreitägigen Werbekampagne für Süddeutschland bekamen die Mitarbeiter der süddeutschen Arbeitsämter 350 konkrete Bewerbungen.

"Wir haben jedoch ausschließlich Fachkräfte vermittelt", sagt Gescheidle "und die zählen sowieso zu den Mobilsten unter den Arbeitslosen." Dem stimmt Stefan Bender vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu. Ob ein Arbeitsloser bereit sei, auch in einem anderen Bundesland zu arbeiten, hänge vor allem vom Grad der Ausbildung ab. "Ein Arbeiter oder einfacher Dienstleister tut sich viel schwerer, wegen seines Berufes umzuziehen." Gemäß einer IAB-Studie waren 1999 27 Prozent der Arbeitslosen mit Berufsausbildung bereit, einen regionalen Wechsel in Kauf zu nehmen. Von den Arbeitslosen ohne Ausbildung waren es nur 18 Prozent. Schon der Schulabschluss scheint Einfluss auf die Mobilität zu haben. 45 Prozent ehemaliger Abiturienten sind bereit, für den Job umzuziehen, von den Real- und Hauptschulabsolventen sind es nur 24 Prozent.

"Auch Alter und Einkommen des Arbeitslosen spielen eine große Rolle", sagt Stefan Bender von der Bundesanstalt für Arbeit. Für junge Leute, die noch nicht familiär gebunden sind, ist es wesentlich einfacher umzuziehen, als für ältere Leute oder Langzeitarbeitslose. "Letztlich ist die Mobilität auch konjunkturabhängig", sagt Bender. In einer konjunkturschwachen Zeit sinke auch die Mobilität. Das Risiko, bald wieder den Job zu verlieren, halte viele vor einem Umzug ab. "Aber auch bei einem konjunkturellen Aufschwung warten die Arbeitsuchenden erst ab, ob sie nicht doch dort, wo sie wohnen, Arbeit finden." Die Mobilitätsraten stiegen nur sehr langsam.

Zum Umzug gezwungen wird kein Arbeitsloser, auch wenn es sich um eine junge und familiär nicht gebundene Fachkraft handelt. "Wenn sich ein Arbeitsloser beim Arbeitsamt meldet, muss er angeben, welche Teile Deutschlands für ihn in Frage kommen", sagt Günter Weinzerl, Referatsleiter beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Wir können niemanden zwingen, in ein schwäbisches Dorf zu ziehen." Es nütze auch dem süddeutschen Arbeitgeber nichts, wenn er einen unmotivierten Mitarbeiter aus Berlin einstelle. Wenn ein Arbeitsuchender sich weigere umzuziehen, obwohl die geeignete Stelle für ihn gefunden wurde, werde eine Sperrzeit von acht bis zwölf Wochen verhängt. "In dieser Zeit erhält der Arbeitslose kein Arbeitslosengeld und das Arbeitsamt sucht für ihn auch keine neue Stelle", erläutert Weinzerl.

Es stellt sich die Frage, ob die Regeln in Deutschland zu lasch sind. Die "Strafe", acht bis zehn Wochen aus der Kartei der Arbeitslosen gestrichen zu werden, scheint noch nicht viele zu bewegen, mobiler zu werden. Ob durch mehr Druck auf die Arbeitslosen sich die Mobilitätsrate erhöht und gleichzeitig die Arbeitslosigkeit in Deutschland sinkt, ist dennoch ungewiss. Bisher wird die Mobilität von Arbeitslosen nicht gemessen. Nur die unterschiedliche Anzahl der bei den Arbeitsämtern gemeldeten Stellen legt den Eindruck nahe, dass zu wenig Menschen flexibel sind.

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