Arbeitsmarkt : Eine Frage der Zeit

Die Zahl der Erwerbslosen geht weiter zurück. Wie lange der positive Trend anhält, ist aber umstritten.

Yasmin El-Sharif
Arbeitsamt
Die Konjunktur wird schwächer. -Foto: Keystone

BerlinVon einem Abflauen der Wirtschaft ist auf dem Arbeitsmarkt noch nichts zu spüren. Die Zahl der Erwerbslosen fiel im August wieder unter 3,2 Millionen, nachdem sie im Vormonat saisonbedingt leicht gestiegen war. „Von der Abschwächung der Konjunktur zeigt sich der Arbeitsmarkt bisher unbeeindruckt“, sagte Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), am Donnerstag bei der Vorstellung der aktuellen Daten. Auch für die weitere Entwicklung gab sich Alt, der den nicht anwesenden BA-Chef Frank-Jürgen Weise vertrat, optimistisch. So bestehe die Chance, dass die Zahl der Erwerbslosen im Herbst erstmals seit 16 Jahren unter die Marke von drei Millionen fallen könnte. Arbeitsmarktexperten warnten am Donnerstag hingegen vor zu viel Euphorie.

Im zu Ende gehenden Monat sank die Zahl der Menschen ohne Arbeit um 14 000 auf insgesamt 3,196 Millionen. Im August ist ein leichter Rückgang üblich, er fiel dieses Jahr allerdings stärker aus als 2007. Unter Herausrechnung jahreszeitlicher Einflüsse meldeten sich rund 40 000 Menschen weniger arbeitslos. Experten hatten mit einer geringeren Abnahme gerechnet und zeigten sich überrascht. „Damit sticht der Arbeitsmarkt derzeit positiv aus den Konjunkturdaten hervor“, sagte Eckart Tuchtfeld von der Commerzbank. Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt von der Bank Unicredit, sprach von hoch willkommenen Nachrichten, nachdem es zuletzt eine Reihe „schockierender Indikatoren“ gegeben habe.

Der Arbeitsmarkt sei nicht mit einem „konjunkturellen Schatten“ belegt, betonte BA-Vorstand Alt. Negative Einflüsse aus der Wirtschaft seien nicht zu erkennen. Da die Arbeitslosigkeit üblicherweise im Oktober oder November den tiefsten Stand des Jahres erreicht, wird damit nun ein zeitweiliger Rückgang unter die Drei-Millionen-Marke immer realistischer. Im September allerdings sei „die Wahrscheinlichkeit sehr klein“, sagte Alt. Im Oktober liege sie bei etwa 50 Prozent.

Commerzbank-Ökonom Tuchtfeld rechnet hingegen nicht damit, dass die Marke unterschritten wird. Auch langfristig gesehen ist der Experte skeptisch. So werde sich die Beschäftigung nicht dauerhaft von der allgemeinen Konjunkturlage abkoppeln können, sagte er. Die Frühindikatoren und schwächeren Investitionen der Wirtschaft deuteten darauf hin, dass der Arbeitsmarkt mit einer Verzögerung von rund zwei Quartalen – also im Schlussquartal 2008 – auf die schlechteren Rahmenbedingungen reagieren werde.

Auch Unicredit-Volkswirt Rees meinte, Ende des Jahres werde es zur Wende am Arbeitsmarkt kommen, „die Schaffung neuer Arbeitsplätze könnte dann zum Stillstand kommen“. Dennoch wird seiner Einschätzung nach der dann folgende Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht dramatisch sein. Das Horror-Szenario wie in den Jahren 2002 bis 2005 werde sich nicht wiederholen.

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