Arbeitsmarkt : Firmen kürzen bei der Weiterbildung

Nur noch 69 Prozent der Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern Weiterbildungen an. Noch sind 236.000 Jugendliche ohne Lehrvertrag.

Christoph Giesen
Weiterbildung
Teures Wissen: Mehr als 500 Euro zahlen Arbeitnehmer jährlich aus eigener Tasche für ihre Fortbildung. -Foto: ddp

Berlin - Die deutschen Unternehmen haben ihr Engagement bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter verringert. Laut einer Befragung des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden würden nur noch 69 Prozent der deutschen Betriebe ihren Mitarbeitern Weiterbildungsangebote anbieten. 1999 waren noch 75 Prozent der Unternehmen bereit ihr Personal fortzubilden. Das entspricht einem Rückgang von 9,2 Prozent. Erst am vergangenen Freitag hatte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, eine Debatte ausgelöst. Er hatte gefordert, dass die Arbeitnehmer sich auch im Urlaub weiterbilden sollten.

„In allen Wirtschaftszweigen gibt es ein Minus“, sagte Daniel Schmidt, stellvertretender Studienleiter beim Statistischen Bundesamt. Stark betroffen sei das verarbeitende Gewerbe wie die Metall- und Textilindustrie. Besonders Mittelständler würden auf Weiterbildung ihrer Mitarbeiter verzichten. „Große Konzerne haben meistens eigene Bildungszentren.“

„Das war ein Schnellschuss von Herrn Wansleben“, sagte Hans-Ulrich Nordhaus, Referatsleiter Weiterbildung beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Schon seit Jahren würde die Weiterbildung in den Unternehmen konsequent zurückgefahren. „Die Arbeitnehmer sind die einzigen, die motiviert sind“, sagte Nordhaus. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn zahlen die Teilnehmer an Weiterbildungen durchschnittlich 502 Euro pro Jahr aus eigener Tasche.

Beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag zeigt man sich hingegen zuversichtlich, dass Weiterbildung immer noch einen hohen Stellenwert in den Unternehmen hat. „Ich bin mir sicher, dass die deutschen Unternehmen in Zukunft verstärkt auf Weiterbildung setzen werden“, sagte Knut Diekmann, Referatsleiter Weiterbildungspolitik beim DIHK. Allerdings müssten in Zukunft neben den Unternehmen auch der Staat und die Arbeitnehmer mehr Engagement zeigen.

Beim Wuppertaler Kreis, dem Bundesverband betrieblicher Weiterbildung, sieht man die Zahlen aus Wiesbaden gelassen. „In den deutschen Unternehmen passiert mehr, als man erfassen kann“, sagte Geschäftsführer Carsten R. Löwe. Die deutsche Wirtschaft sei gut aufgestellt, es bestehe kein Grund sich Sorgen zu machen. „Die Statistik sagt nicht viel aus. In vielen Betrieben wird informelles Lernen praktiziert.“ Beschäftigte würden Wissen während der Arbeit an Kollegen weitergeben. Außerdem sei der deutsche Nachwuchs so gut durch das duale Bildungssystem ausgebildet, dass Weiterbildungen in den ersten Berufsjahren nicht nötig seien.

Kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres Anfang September ist die Stimmung angespannt. Noch im Juni hatten Industrie und Handel von einem Lehrstellen-Plus von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr gesprochen. Doch entgegen erster Erfolgsmeldungen der Arbeitnehmerseite, mangelt es an Ausbildungsplätzen. „Die Totalentwarnung der Arbeitgeber ist Unsinn“, sagte IG-Metall-Vorstandsmitglied Regina Görner. Bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) hieß es, die Lage sei zwar etwas besser als in den vergangenen Jahren, aber Angebot und Nachfrage seien bei weitem noch nicht ausgeglichen. Ende Juli waren noch mehr als 236 000 junge Menschen in Deutschland ohne Lehrvertrag, davon rund 13 000 Jugendliche in Berlin.

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