Arbeitsmarkt : Früher war alles besser

Weniger Arbeitsplätze, weniger Geld, mehr Druck – junge Menschen haben es schwer, klagt die IG Metall.

Joachim Telgenbüscher

Berlin - Der Mann auf der Bühne trägt Schwarz und schreit so laut, dass sein Mikrophon pfeift: „Das ist eine Kampfansage an die Politik und an die Wirtschaft. An alle, die der Jugend nichts mehr bieten. Die Krise gehört euch, denn ihr habt den Scheiß verbockt.“ Die Jugendlichen zu seinen Füßen johlen. Sie sind Teilnehmer des Kongresses „Junge Generation“ der IG-Metall. Über ihren Köpfen – in dreißig Metern Höhe – geht es leiser zu, die Botschaft aber ist dieselbe. In der Lounge des Berliner E-Werkes präsentiert IG-Metall-Chef Berthold Huber eine Studie über die Perspektiven der jungen Generation. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Jugend schaut wenig optimistisch in die Zukunft und fühlt sich von der Krise besonders hart getroffen.

„Meinen Kindern soll es einmal besser gehen, diese Annahme ist in unser kollektives Bewusstsein eingebrannt“, sagt Huber. Es sei lange eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass der Wohlstand mit jeder Generation ein bisschen wächst. „Diese Selbstverständlichkeit existiert nicht mehr“, sagt Huber und macht eine Kunstpause. In Deutschland herrsche eine große soziale Ungerechtigkeit, und die junge Generation sei besonders davon betroffen.

Die Grundlage für seine trübe Einschätzung hat die Jugend Huber selbst geliefert. Über tausend junge Deutsche unter 35 Jahren haben die Meinungsforscher von TNS Infratest vor kurzem befragt. Was erwarten sie vom Berufsleben? Wie schätzen sie ihre Perspektiven ein? Spüren sie die Krise? An eine positive gesellschaftliche Entwicklung glauben demnach nur noch 27 Prozent der Befragten.

Das hat viel mit ihren Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt zu tun. „Je unsicherer das Arbeitsverhältnis, desto unzufriedener sind die jungen Leute“, sagt der Zweite Vorsitzende der IG-Metall, Detlef Wetzel. Leiharbeit, Praktika und befristete Arbeitsverträge machten es der Jugend schwer, an die Zukunft zu glauben. Bei diesen Arbeitsverhältnissen ist die junge Generation besonders stark vertreten. So ist ein Viertel der 20 bis 24-Jährigen in Deutschland entweder in einem Arbeitsbeschaffungsprogramm oder arbeitet auf Leihbasis.

Dass es früher besser war, glauben viele: Mehr als die Hälfte aller unter 35-Jährigen gibt an, dass es schwieriger für sie geworden ist, einen guten Arbeitsplatz zu finden. 48 Prozent sagen, dass die Chancen, ein anständiges Gehalt zu bekommen, geschrumpft seien. Besonders düster sieht es bei den Arbeitsbedingungen aus: 56 Prozent sagen, dass sich die Anforderungen und der Leistungsdruck im Beruf erhöht hätten.

Auch um den Start ins Berufsleben macht sich die Jugend Sorgen. „Hier gibt es noch viel größere Probleme, als wir das befürchtet hatten“, sagt Wetzel. Jeder dritte junge Arbeitnehmer hat Schwierigkeiten, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden. Jeder vierte ist nach dem Ende der Ausbildung länger als sechs Monate arbeitslos gemeldet und rund dreißig Prozent finden nach eigenen Angaben überhaupt keine Ausbildungsstelle, die ihren Neigungen entspricht.

Auch das Ideal „ein Job für ein ganzes Leben“ gilt nicht mehr. In den Biografien der jungen Generation gibt es besonders häufig Brüche. So haben rund 40 Prozent bereits einen ungewollten Arbeitsplatzwechsel hinter sich. Jeder dritte junge Arbeitnehmer war in seinem kurzen Berufsleben schon einmal länger als sechs Monate am Stück arbeitslos. Diese Entwicklung könnte sich durch die Krise noch verschärfen. Denn die unter 35-Jährigen werden sechsmal häufiger im Zuge der Krise gekündigt als ihre älteren Kollegen. Jeder zweite Deutsche unter 35 befürchtet, dass seine beruflichen Entwicklungschancen dauerhaft unter der Krise leiden werden.

Die IG-Metall fordert deshalb ein Aktionsprogramm der Politik. „Wer die junge Generation stiefmütterlich behandelt, gefährdet die Zukunft der Gesellschaft“, sagt Huber. Entscheidend sei es, mehr reguläre Jobs und bessere Bildungsmöglichkeiten für die Jugend zu schaffen.

Drohen sonst soziale Unruhen wie sie erst kürzlich DGB-Chef Michael Sommer und Gesine Schwan beschworen haben? Er wolle soziale Unruhen nicht herbeireden, sagt Huber. „Aber ausschließen kann man heute gar nichts mehr.“ Dann stellt sich die IG-Metall-Spitze auf der Terrasse zum Foto auf. Einige Stockwerke unter ihnen schreit der Mann mit dem Mikrophon munter weiter: „Die Zukunft gehört uns.“ Und: „Der Kapitalismus muss weg!“ Die Gewerkschaftsjugend legt die Bratwurst zu Seite und jubelt. Oben hört man fast nichts davon.

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