Wirtschaft : Arbeitsmarkt: Im nächsten Jahr 270 000 Arbeitslose weniger

Im kommenden Jahr wird die Arbeitslosenzahl mindestens um 270 000 auf etwa 3,5 Millionen sinken. Doch nach Einschätzung des Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, "müsste es eigentlich besser werden", da die zum 1. Januar 2001 wirkende Steuerreform die Konjunktur stimulieren werde. Für das laufende Jahr erwartet die Behörde eine durchschnittliche Arbeitslosenzahl von 3,9 Millionen.

Jagoda äußerte sich anlässlich der Vorstellung der jüngsten Arbeitsmarktdaten. Die Arbeitslosigkeit ist im November wieder leicht gestiegen, die Zahl der Arbeitslosen erhöhte sich gegenüber Oktober um 34 200 auf 3 645 200. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl aber um 255 500 und rutschte damit auf den niedrigsten November-Stand seit 1995. In Berlin waren mit 255 500 Arbeitnehmern 6356 weniger arbeitslos gemeldet als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote lag wie im Oktober bei 8,9 Prozent, berichtete die Bundesanstalt in Nürnberg. Witterungsbedingt geht im November die Zahl der Beschäftigten auf dem Bau, in der Landwirtschaft und im Gastgewerbe zurück. Für Dezember erwartet Jagoda einen Anstieg der Erwerbslosen um rund 150 000. Ein plötzlicher Wintereinbruch könne aber die Zahl der Arbeitslosen deutlich erhöhen. Den gegenwärtigen Stimmungsabschwung der Wirtschaft halte er nur für eine vorübergehende "Delle", sagte Jagoda.

Erste "Vorboten einer Besserung" sieht der Arbeitsamtspräsident in Ostdeutschland. Nach Monaten mit zum Teil kräftiger Zunahme verzeichneten die Ost-Arbeitsämter im November nur einen "geringfügigen Anstieg" der Arbeitslosigkeit. Stelle man in Rechnung, dass deutlich weniger Ostdeutsche in ABM-Maßnahmen beschäftigt waren oder Fort- und Weiterbildungskurse besuchten, "dürfte sich die saisonbereinigte Arbeitslosenzahl im November sogar leicht verringert haben", sagte Jagoda. Den Angaben zufolge waren im November im Osten 1 285 300 Menschen ohne Arbeit. Das waren ohne Berücksichtigung saisonaler Sondereffekte 16 800 mehr als im Vormonat, aber 11 700 weniger als im November 1999. Die Quote erhöhte sich um 0,2 Punkte auf 16,3 Prozent. Insgesamt ist die Lage in den neuen Ländern weiterhin kritisch. So ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen zwischen Ostsee und Thüringer Wald in den letzten zwölf Monaten wieder deutlich angestiegen. Im November waren im Osten 452 200 Männer und Frauen länger als ein Jahr ohne Beschäftigung. Das sind neun Prozent mehr als vor Jahresfrist. Spürbar verschlechtert hat sich auch die Situation der Jugendlichen. Ende November gab es in den neuen Ländern 144 400 Arbeitslose unter 25 Jahren, elf Prozent mehr als vor Jahresfrist.

Optimistisch für die Zukunft stimmt Jagoda die Entwicklung der Erwerbstätigen-Statistik, die neben den Arbeitslosenzahlen als wichtigster Arbeitsmarkt-Indikator gilt. Saisonbereinigt habe die Zahl der Erwerbstätigen im September - einen aktuelleren Wert hat die Bundesanstalt nicht - um 46 000 zugenommen. Damit habe es wieder einen Anschluss an das "dynamische Wachstum" des ersten Halbjahres gegeben. Sorge bereite ihm indes der große Anteil der älteren Arbeitslosen. Während unter 50-Jährige im Schnitt sechs Monate arbeitslos blieben, dauere die Arbeitslosigkeit bei der Gruppe der 55-Jährigen fast doppelt so lange. Jagoda appellierte an die Arbeitgeber, auch "älteren, oft exzellent qualifizierten Menschen" eine Chance zu geben.

Regierung und Opposition bewerteten die Arbeitsmarkt-Daten unterschiedlich. Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) sprach von einer anhaltend positiven Entwicklung. Diese habe auch der gestiegene Ölpreis nicht aufhalten können. Aber auch das gesamte Jahr 2000 sei für den Arbeitsmarkt ein erfolgreiches Jahr gewesen, meinte der Minister. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Norbert Wieczorek, wertete die November-Zahlen als Beleg für eine "solide Konjunkturentwicklung". Dagegen deutete der CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses, Matthias Wissmann, den leichten Anstieg der Arbeitsmarktzahlen als Warnung an die Bundesregierung. Trotz erfreulicher Tendenzen bleibe das Problem struktureller Arbeitslosigkeit ungelöst. Nach Einschätzung der stellvertretenden DGB-Bundesvorsitzenden Ursula Engelen-Kefer liegen "Licht und Schatten auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor dicht beieinander". Dabei verwies sie vor allem auf die "bedrückende Arbeitslosigkeit" in den neuen Ländern. Dagegen sprach die FDP-Bundestagsfraktion von einem Versagen der Bundesregierung bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

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