Wirtschaft : "Arbeitsmarkt kann um 170 000 entlastet werden"

In der Bundesrepublik könnte es langfristig zu einer deutlichen Entlastung des Arbeitsmarktes kommen.Nach einer bis zum Jahr 2040 reichenden Projektion des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit wird das Erwerbspersonenpotential selbst bei einer höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen und einer stärkeren Zuwanderung aus dem Ausland abnehmen.Über bereits kurzfristig mögliche Effekte auf den Arbeitsmarkt sprach Alfons Frese mit Johann Fuchs, wissenschaftlicher Mitarbeiter des IAB.

TAGESSPIEGEL: Herr Fuchs, erreicht die Bundesregierung einen Abbau der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2002 allein aufgrund demographischer Effekte?

FUCHS: Mittelfristig ist eine Entlastung des Arbeitsmarktes um rund 200 000 Erwerbspersonen durchaus möglich.Das hängt allerdings wesentlich von der weitern Zuwanderung von Ausländern ab, die wir in unseren Modellrechnungen für die Jahre ab 2000 wieder auf netto 100 000 bis 200 000 per anno veranschlagen; das ist in etwa die durchschnittliche Zuwanderung in den neunziger Jahren.In 1998 gab es übrigens kaum Zuwanderung: Dem Zuzug von Aussiedlern stand die Rückkehr von Bosnienflüchtlingen in ihre Heimat gegenüber.Für das laufende Jahr erwarten wir wieder eine leicht positive Zuwanderung.

TAGESSPIEGEL: Welchen Einfluß auf die Zuwanderung hat die Ausländerpolitik, etwa Asylgesetzgebung oder doppelte Staatsbürgerschaft?

FUCHS: Die Einbürgerungspolitik ist weitgehend ohne Belang.Entscheidend ist nicht die Nationalität, sondern die Zugehörigkeit zum Erwerbspersonenpotential.

TAGESSPIEGEL: Wieviele der nach Deutschland kommenden Ausländer treten denn als Arbeitssuchende am Arbeitsmarkt auf?

FUCHS: Bei den Männern sind das etwa 75 Prozent, bei den Frauen gut 50 Prozent.Das entspricht der Erwerbsquote der Ausländer, die bereits in Deutschland leben.

TAGESSPIEGEL: Wird nicht die steigende Erwerbsbeteiligung der Frauen zunehmend den Arbeitsmarkt belasten?

FUCHS: Da gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland.In Ostdeutschland ist die Erwerbsbeteiligung insbesondere bei den verheirateten Frauen noch immer deutlich über dem internationalen Durchschnitt; hier erwarten wir ein langsames Absinken.Dagegen gehen wir im Westen davon aus, daß die Erwerbsquote der Frauen deutlich steigt.

TAGESSPIEGEL: Alles in allem gibt es also in den nächsten Jahren kaum eine nachhaltige Entlastung des Arbeitsmarktes?FUCHS: Realistisch ist eine Abschwächung der Nachfrage um 150 000 bis 200 000 Erwerbspersonen in den kommenden drei bis vier Jahren.Würden wir unterstellen, daß es keine Zuwanderung gibt und sich ferner die Erwerbsbeteiligung nicht wesentlich ändert, wäre eine Entlastung um rund eine Million möglich.Aber das ist Theorie.Aufgrund der demographischen Entwicklung sinkt das Erwerbspersonenpotential in Deutschland langfristig selbst bei einer Nettozuwanderung von 100 000 bis 200 000 pro Jahr.

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