Wirtschaft : Arbeitsmarkt: Kaum Entlastung

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Die schwächere Konjunktur und der kalte Frühjahrsbeginn haben den Abbau der Arbeitslosigkeit gebremst. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit (BA) waren im März knapp vier Millionen Menschen ohne Beschäftigung. Dies war zwar der niedrigste Märzwert seit fünf Jahren. Im Vergleich zum Februar sank die Zahl der Arbeitslosen aber nur um 113 100 - das war damit der schwächste Frühjahrs-Aufschwung seit 1993. Die Arbeitslosenquote sank von 10,1 auf 9,8 Prozent. Für die nächsten Monate hofft BA-Präsident Bernhard Jagoda noch auf einen "Push". Denn die Entwicklung des Gesamtjahres werde "entscheidend vom Frühjahrs-Aufschwung abhängen". In Berlin und Brandenburg blieb die Arbeitslosigkeit nahezu unverändert.

Erste Hinweise für eine leichte Bremswirkung der Konjunktur sieht Jagoda in der Entwicklung der Erwerbstätigenzahl. Im Januar - dem aktuellsten Wert - sei die saisonbereinigte Zahl nur um 1000 gestiegen. "Die schwache Konjunktur stört den Arbeitsmarkt noch nicht, belebt ihn aber auch nicht", sagte Jagoda. Die saisonbereinigte Zahl der Arbeitslosen sei drei Monate in Folge nicht mehr gesunken. Jagoda warnte aber zugleich vor einer "Dramatisierung oder Resignation". Mehrere gesamtwirtschaftliche Eckdaten berechtigten zu Optimismus. Als Beispiel nannte er das "positive außenwirtschaftliche Umfeld" und die "stabilen Lohnstückkosten". Zudem erwartet Jagoda von der gestärkten Nachfrage als Folge der Steuerreform "spürbare Impulse für die Binnenkonjunktur". Er hoffe deshalb, dass er seine Prognose für 2001 von 3,60 bis 3,65 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt nicht korrigieren müsse.

In den neuen Bundesländern ging die Zahl der Arbeitslosen im März um 29 200 auf 1,461 Millionen zurück, lag aber um 10 400 über dem Vorjahreswert. In den alten Ländern waren im März 2,54 Millionen Personen ohne Beschäftigung, 83 900 weniger als im Februar und 152 000 weniger als im März 2000. Die Arbeitslosenquote lag im Westen bei 7,7, im Osten bei 18,6 Prozent. Jagoda nahm die Vorlage der Arbeitsmarktzahlen zum Anlass, um die Kritik an der Arbeitsmarktpolitik zurückzuweisen. Welchen Beitrag die von den Arbeitsämtern finanzierten Fortbildungs- und Umschulungskurse geliefert hätten, zeigten die mehr als sechs Millionen Arbeitslosen, die in den vergangenen Jahrzehnten für den Dienstleistungsbereich ausgebildet worden seien. Allein in zehn Jahren seien mit Arbeitsamts-Mitteln mehr als 75 000 Köche und 126 000 Altenpfleger ausgebildet worden. Ein unterschiedliches Echo lösten die neuesten Zahlen bei Regierung und Opposition in Berlin aus. Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) hob vor allem das im Vergleich zu den Vorjahren frühere Unterschreiten der Vier-Millionen-Marke hervor. Dagegen beklagte der Deutsche Gewerkschaftsbund das Ausbleiben des Frühjahrsaufschwungs. Vor allem im Osten bewege sich wenig, kritisierte die stellvertretende DGB-Bundesvorsitzende Ursula Engelen-Kefer. Als konjunkturbelebende Maßnahme forderte sie eine Zinssenkung in Europa. CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer kommentierte die Zahlen mit den Worten: "Das ist die Quittung für Reden statt für Handeln." Schröders Reformen taugten nicht, um den Arbeitsmarkt zu beleben.

In Berlin und Brandenburg fiel die Belebung des Arbeitsmarktes deutlich geringer aus als im Vorjahr. Die bis in die vergangene Woche reichenden winterlichen Temperaturen hätten dazu geführt, dass es bei den Außenberufen keine Entspannung gab, teilte das Landesarbeitsamt mit. In Berlin lag die Arbeitslosenzahl bei rund 274 000, in Brandenburg waren 246 000 Menschen arbeitslos gemeldet. Anders als in Berlin stieg die Arbeitslosenzahl in Brandenburg gegenüber dem Vorjahr um 3720 an. "In Berlin haben wir inzwischen die Talsohle erreicht, in Brandenburg noch nicht", sagte Landesarbeitsamtspräsident Klaus Clausnitzer. Das Wirtschaftswachstum sei einfach nicht ausreichend, als dass es sich positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken könne.

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt ist nach Auffassung des Landesarbeitsamtes nach wie vor angespannt, auch wenn in beiden Bundesländern die Zahl der Bewerber rückläufig sei. In Berlin wurden seit Oktober 2000 rund 21 000 Jugendliche auf der Suche nach einer Lehrstelle registriert, 1932 weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen um 260 Plätze auf rund 9000. Derzeit stehen noch 13 700 Schulabgängern 4670 offene Ausbildungsplätze gegenüber. In Brandenburg gab es mit 26 000 Interessenten 1700 weniger als im Vorjahr, gleichzeitig sank aber die Zahl der registrierten Lehrstellen von 6540 auf 6180. Clausnitzer wies darauf hin, dass nach wie vor die Notwendigkeit für die Bund-Länder-Programme bestehe. Er gehe davon aus, dass darüber in Berlin 3500 Plätze und in Brandenburg 5800 Lehrstellen geschaffen werden. Hinzu kämen die von den Arbeitsämtern finanzierten außerbetrieblichen Aubildungsplätze und Berufsvorbereitungmaßnahmen. Clausnitzer zufolge zählt inzwischen mehr als die Hälfte aller Bewerber um eine Lehrstelle zu den so genannten Altnachfragern: "Wir schieben eine riesige Bugwelle vor uns her."

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