Arbeitsmarkt : Manche sehen nur zu beim Wirtschaftsboom

Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Doch bei diesem Boom sind nicht alle an Bord. Das Heer der Langzeitarbeitslosen wird größtenteils nicht mitgenommen. Die Politik scheint die Menschen aufgegeben zu haben. Von Markus Mechnich

Berlin - Die deutsche Wirtschaft boomt ohne Unterlass. Das statistische Bundesamt musste jetzt sogar die Zahlen für das Wachstum im vergangenen Jahr im Nachhinein von 2,7 auf 2,8 Prozent anheben. Für das laufende und kommende Jahr scheint nichts mehr ausgeschlossen. Auch die Werte von 3,2 Prozent aus dem Jahr 2000 sind nicht mehr unerreichbar. Aber der Zug hat längst nicht alle in Deutschland mitgenommen. Während Fachkräfte teilweise händeringend gesucht werden, ist der Aufschwung für andere nur in den Medien nachzulesen.

Die deutsche Wirtschaft wächst wie lange nicht mehr. Den Dämpfer in der Binnennachfrage hat die Wirtschaft gut weggesteckt. Von der Mehrwertsteuererhöhung ist hierzulande kaum noch die Rede. "Der Aufschwung geht weiter", sagte Volkswirt Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. "So gut wie jetzt ging es Deutschland lange nicht mehr." Das klassische Aufschwungmuster greife und werde Deutschland auch 2008 ein starkes Wachstum bescheren. Die Bundesregierung rechnet bislang für 2007 mit einem Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2,3 Prozent Wachstum und im nächsten Jahr mit 2,4 Prozent.

Dennoch gibt es nicht für alle gesellschaftlichen Gruppen Grund zum Jubeln. An dem Heer der ALG-II-Empfängern geht der Aufschwung größtenteils vorbei. Während der Arbeitsmarkt für Ingenieure, Manager und sogar für LKW-Fahrer leer gefegt scheint, tut sich an den Zahlen für die Langzeitarbeitslosen wenig. Für Berlin gehen Arbeitsmarktexperten davon aus, dass ein Fünftel der ALG-II-Bezieher selbst bei weiter anziehender Konjunktur keine Chancen hat, in einem regulären Beschäftigungsverhältnis wieder Fuß zu fassen. Besonders die Gruppe der über 50-Jährigen trifft es hart. Nur bei einer solch gut laufenden Konjunktur haben diese überhaupt Chancen eine Stelle zu bekommen. Für diejenigen, die den Schritt in Boom-Zeiten nicht schaffen wird es sehr schwer.

Qualifikation als Kardinalproblem

Das Problem ist bekannt, aber die Politik ist seit Jahren ratlos. Brandenburg will mit einem speziellen Programm für ältere Arbeitslose entgegen wirken. 2500 Stellen soll es geben, die ausschließlich mit älteren Menschen besetzt werden, die als nicht vermittelbar gelten. Für 1300 Euro monatlich sollen sie beispielsweise in der Alten- oder Behindertenbetreuung eingesetzt werden. Ob sie solche Programme dem "realen" Arbeitsmarkt näher bringt ist allerdings fraglich. Es scheint mehr Beschäftigungstherapie, denn Wiedereingliederung ins Arbeitsleben.

Hauptgrund für die Chancenlosigkeit ist in der Regel die geringe Qualifikation. Neben anderen Faktoren, wie Sucht, private Probleme oder mangelndem Willen ist sie das größte Manko der meisten Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Kommt eine lange Arbeitslosigkeit hinzu ist eine Vermittlung kaum noch möglich.

Auch Geringverdiener bleiben außen vor

Selbst diejenigen, die eine Arbeit bekommen, haben oft keinen Job der sie wirklich ernährt. Das von der Union angepriesene Modell des Kombilohns ist daher in vielen Bereichen schon Realität. Gerade die Geringqualifizierten bekommen meist nur Stellen, die so schlecht bezahlt sind, dass sie mit ihren Familien weiterhin Geld von der Arbeitsagentur brauchen. Die Statistik und damit die Politik erfreut das zwar, aber dem Staat ist damit wenig geholfen. Gerade erst wurde beschlossen, dass diese Geringverdiener keine Sozialabgaben auf die geringen Löhne zahlen müssen. Eine wichtige und richtige Maßnahme, aber es manifestiert nur die Tatsache, dass diese Beschäftigungsverhältnisse auf lange Sicht für die Sozialversicherungssysteme zum Bumerang werden.

Für die Politiker ist es dieser Tage wohl interessanter sich im Lichte der sehr guten Wirtschaftszahlen zu sonnen. Der wenig attraktiven Aufgabe sich, gerade in Zeiten des Aufschwungs, dem Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit zu widmen scheinen sich nur wenige anzunehmen. Es stellt sich jedoch die Frage, wann das Problem denn überhaupt angegangen werden kann, wenn nicht jetzt. Sollten die wirtschaftlichen Eckdaten jedoch wieder nach unten zeigen wird das Phänomen von ganz alleine auf die Tagesordnung kommen. Explodieren die Sozialkosten, bleibt dann wieder nur der Weg der Kürzung von Mitteln. Gesellschaftspolitisch gesehen dürfte auch das ein Schritt in die falsche Richtung sein, denn steigende Kriminalität und Verwahrlosung in der Gesellschaft sind auch nicht kostenlos - aber viel einfacher zu haben. (mit dpa)

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