Wirtschaft : Arbeitsmarkt: "Niedriglöhne schaffen keine Arbeit"

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Die Forderung des Wirtschaftsweisen Wolfgang Wiegard, durch eine größere Lohnspreizung mehr Beschäftigung zu schaffen, ist auf deutliche Kritik gestoßen. "Der Vorschlag ist völlig ungeeignet", sagte DGB-Vorstandsmitglied Heinz Putzhammer. "Die künstliche Schaffung eines Niedriglohn-Sektors hilft in der aktuellen konjunkturellen Situation gar nicht." Der stellvertretende Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Peters, sieht es nicht anders und nannte den Vorschlag "einfältig und unsozial". Lohndumping würde im Gegenteil zu einer weiteren Schwächung der Binnenkonjunktur führen, was fatale Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft hätte.

Der Bremer Wirtschaftsprofessor, Rudolf Hickel, hält den Ansatz des Wirtschaftsweisen ebenfalls für fragwürdig: "Der Wiegard-Vorschlag würde keinen relevanten Beitrag leisten, die Arbeitslosigkeit zu senken", sagte er dem Tagesspiegel. "Immer wenn die Arbeitslosigkeit zu steigen droht, werden die Ursachen in der Lohnstruktur gesucht." Das beste Mittel für mehr Beschäftigung sei seiner Meinung nach eine verbesserte Qualifikation der Mitarbeiter und mehr Innovation in den Unternehmen.

Wiegard, der Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung ist, hatte der Bildzeitung (Donnerstagsausgabe) gesagt: "Eine stärkere Lohnspreizung würde helfen. Wenn man die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpfen will, muss man bereit sein, etwas mehr Einkommensungleichheit in Kauf zu nehmen." Wiegard begründet seinen Vorschlag mit der Produktivität von gering qualifizierten Arbeitskräften. Sie würden in Relation zu ihrer Produktivität zu hoch entlohnt werden. Da die Arbeitsplätze für Unternehmen deshalb zu teuer seien, würden sie wegrationalisiert. Wenn die Politik diese ökonomischen Binsenweisheiten nicht erkenne, brauche sie sich auch nicht wundern, dass ihre Arbeitsmarktpolitik nicht zu mehr Beschäftigung führe. Gerade in der aktuellen wirtschaftlichen Situation sei dies aber bedenklich. Denn um in der Wirtschaft generell neue Arbeitsplätze zu schaffen, sei ein Wirtschaftswachstum von mindestens 1,6 bis 1,8 Prozent nötig. In diesem Jahr werde dies aber nur schwer zu erreichen sein. Umso wichtiger sei es deshalb, dass durch die Schaffung eines Niedriglohnsektors der Arbeitsmarkt neue Impulse bekomme. Dabei ist sich Wiegard durchaus bewusst, dass man bei stärkerer Lohnspreizung sehr nahe an das Sozialhilfeniveau kommt. Subventionen an Unternehmen müssten deshalb in Betracht gezogen werden.

Für die kommenden Tarifverhandlungen rief der an der Universität Regensburg lehrende Wiegard die Gewerkschaften zur Mäßigung auf: "Wichtig ist, dass es nicht zu überzogenen Tarifabschlüssen kommt." Das Beispiel der Lufthansa-Piloten sei "fatal" gewesen und dürfe "keine Signalwirkung" entfalten. Stattdessen seien mehr "betriebsnahe Tarifvereinbarungen wie beim 5000-mal-5000-Modell bei VW" nötig.

Peters sagte dagegen, die Forderung nach Niedriglöhnen sei eine "alte Leier", die auch durch ständige Wiederholung nicht überzeuge. Mangelnde Kaufkraft im Inland würde die Abhängigkeit vom Export weiter fördern und die Inlands-Produktion schwächen. Der stellvertretende Vorsitzende der IG-Metall sprach sich daher dafür aus, dass die Reallöhne der Beschäftigten im Gegenteil wieder stärker wachsen müssten.

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