Arbeitsmarkt : Ostdeutsche Wende

Der Arbeitsmarkt wird so langsam attraktiv für Arbeitnehmer: Es fehlen Azubis und Fachkräfte.

Alfons Frese
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Berlin Die ostdeutsche Industrie kommt besser durch die Krise als die westdeutsche. „Es gibt viele kleine Maschinenbauer, denen es in ihrer Nische ganz gut geht“, sagte Hartmut Meine, IG-Metall-Chef von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, dem Tagesspiegel. Zum Beispiel die Firma KSB in Halle, die riesige Pumpen für Meerwasserentsalzungsanlagen im arabischen Raum produziert. Und viele Lieferanten profitieren von der relativ stabilen Situation bei Volkswagen. In Wernigerode im Harz etwa haben sich neben einem Blechwalzwerk diverse andere Betriebe angesiedelt, die mit ihren Produkten binnen einer Stunde in Wolfsburg sind. „Nach einer langen Durststrecke sehen wir Licht am Ende des Tunnels“, fasste Meine die Situation in der Metall- und Elektroindustrie in Sachsen-Anhalt zusammen.

Der IG-Metall-Chef sieht im Osten einen zunehmenden Facharbeiter- und Ingenieurmangel. Aus demografischen Gründen, aber auch, weil beispielsweise die Absolventen der Fachhochschulen in Sachsen-Anhalt von süddeutschen Firmen sozusagen von der Schule weggekauft würden. Meine zufolge hat das positive Auswirkungen auf die Arbeitnehmer im Osten insgesamt: „Mit der Niedriglohnstrategie kommen wir nicht weiter.“ Auch die Betriebe würden sich inzwischen Fachkräfte abwerben – ein Umstand, der ebenfalls zu höheren Löhnen und Gehältern führt. „Das Gut ist knapp, der Preis steigt“, resümiert Meine und sieht auch Vorteile für die IG Metall. „Wir haben inzwischen sechs Betriebe in den Arbeitgeberverband zurückgeholt und damit in die Tarifbindung.“

Die Firmenchefs hätten eingesehen, dass man mit Billiglöhnen keine Fachkräfte halten könne und gliederten sich deshalb ins Tarifsystem ein. Meines Kollege Olivier Höbel, IG-Metall-Chef von Berlin, Brandenburg und Sachsen, macht „in der Tendenz“ dieselbe Beobachtung wie Meine. Doch Niedriglöhne seien nach wie vor weit verbreitet. „Es gibt Einkommen unter 1000 Euro netto für Facharbeiter, die sich als Leiharbeiter durchschlagen“, sagte Höbel dem Tagesspiegel. Womöglich werde das anders, „wenn aus der früheren Facharbeiterschwemme demnächst eine Facharbeiterlücke wird“. Jedenfalls sieht der Metaller darin „das Haupthindernis für die Entwicklung der Metallindustrie im Osten“. Starke Jahrgänge würden in den kommenden Jahren in Rente gehen, gleichzeitig verließen zahlenmäßig schwache Jahrgänge die Schulen.

„Ganz dramatisch“, ist Meine zufolge die Trendwende auf dem Ausbildungsmarkt. Da nach der Wende „die Geburtenrate in Ostdeutschland enorm zurückgegangen ist“, kämen nun die extrem geburtenschwachen Jahrgänge aus den Schulen. „Im kommenden Jahr haben wir mehr betriebliche Ausbildungsplätze als Schulabgänger.“ Entsprechend verbessere sich die Situation der Azubis, die bislang auch schon mal für 200 Euro im Monat gearbeitet hätten. „In tarifgebundenen Betrieben erhält ein Auszubildender in Sachsen-Anhalt im ersten Jahr 735 Euro. Die Zeiten, in denen Jugendliche gezwungen waren, Billigausbildungsplätze anzunehmen, sind vorbei“, glaubt Meine.

Vor vier Jahren sah die Situation ganz anders aus: Rund 30 000 Jugendliche bewarben sich in Sachsen-Anhalt um 7000 Ausbildungsplätze. Von diesem Jahr an gibt es in dem Bundesland nur noch 16 000 Schulabgänger pro Jahr, Tendenz weiter fallend. Vor dem Hintergrund verteilt die IG Metall Flyer auf den Schulhöfen, in denen die kommenden Azubis unter der Parole „Du bist mehr wert“ über Ausbildungsvergütungen aufgeklärt werden. Mindestens 565 Euro sind zu zahlen. Im Flyer heißt es weiter: „Tarifverträge gelten nur für Mitglieder. Im Betrieb kannst du Mitglied werden.“

Und tatsächlich schlagen sich die alles in allem besser werdenden Bedingungen für Arbeitnehmer und Azubis auch in der Mitgliederstatistik der Gewerkschaft nieder. „Erstmals in diesem Jahr schneidet Sachsen-Anhalt besser ab als Niedersachsen“, sagt Meine. Aber Verluste gibt es noch. Meine rechnet in seinem Bezirk in 2009 mit einem Minus von zwei Prozent.

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