Wirtschaft : Arbeitsmarkt: Wie flexibel ist der Arbeitsmarkt in Deutschland?

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Wie unflexibel ist der deutsche Arbeitsmarkt? An dem Sozialsystem im "Konservativen Wohlfahrtsstaat" Deutschland wird häufig kritisiert, daß sein "statuskonservierender" Charakter und seine Orientierung an traditionellen familiären Werten schlechte Voraussetzungen für die Expansion von Beschäftigung bieten. Auf der vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) veranstalteten Konferenz zum Sozioökonomischen Panel (SOEP) werden solche Fragen bis ins Detail diskutiert. Das SOEP gilt als die umfassendste Längsschnitt-Analyse deutscher Haushalte. Bei der Eröffnung lobte DIW-Präsident Klaus Zimmermann insbesondere die internationale Ausrichtung der Teilnehmer.

Thomas A. DiPrete von der Duke University in den USA präsentierte zum Auftakt die Ergebnisse eines deutsch-amerikanischen Vergleichs der Haushaltseinkommen von Männern und Frauen. Weil nach wie vor Männer im Durchschnitt mehr verdienen als Frauen, sind die Haushaltseinkommen von Frauen weitaus stärker von den beruflichen Veränderungen ihres Partners betroffen ,als es umgekehrt der Fall wäre. Betrachtet man das personenbezogene Einkommen, profitieren Frauen finanziell mehr von einer Ehe als Männer. Entsprechend schmerzhaft wirkt sich für Frauen die Trennung aus.

So müssen deutsche Frauen durch den Verlust des Partners Einkommenseinbußen in Höhe von 33 Prozent, deutsche Männer nur in Höhe von 22 Prozent hinnehmen, auch wenn das staatliche Steuer- und Sozialsystem einen Großteil dieser Ungleichheit abfedert. Ohne Berücksichtigung staatlicher Transfers und Unterhaltszahlungen von Haushalten an andere Haushalte würden Männer durch die Auflösung der Lebensgemeinschaft sogar sieben Prozent an Equivalenzeinkommen hinzugewinnen; unter den Frauen würde der Verlust 45 Prozent betragen.

In den Vereinigten Staaten gewinnen beide Partner durch die Heirat weit weniger hinzu. Auch ist die Abhängigkeit der Frau vom Einkommen des Mannes weit geringer als in Deutschland, was offensichtlich mit der höheren Erwerbsbeteiligung amerikanischer Frauen zusammenhängt. Der Einfluss des staatlichen Umverteilungssystems ist dort aber um ein Vielfaches geringer.

Neben seiner Tendenz, traditionelle familiäre Lebensformen gegenüber anderen zu subventionieren und dadurch ein "weibliches Beschäftigungswunder" versäumt zu haben, wird am deutschen Wohlfahrtssystem häufig kritisiert, daß es wenig Anreize für Erwerbslose biete, eine gering entlohnte Beschäftigung anzunehmen. Immer wieder weist der Internationale Währungsfonds (IWF) beispielsweise darauf hin, daß die starren Löhne die Entstehung neuer Arbeitsplätze verhindern. Wovon aber hängt der Höhe des Lohnes ab, zu dem Arbeitslose bereit sind, eine neue Erwerbstätigkeit aufzunehmen?

Eswar Prasad, Arbeitsmarkt-Experte beim IWF, hat die Einflussfaktoren auf diesen sogenannten Reservationslohn detailliert untersucht. Der Reservationslohn hängt von einer Vielzahl von individuellen Bedingungen ab, unter anderem von der familiären Situation, vom Wohlstandsniveau, von der Risikobereitschaft. Signifikant ist aber Prasad zufolge der Einfluss des Qualifikationsniveaus. So sind Menschen mit hoher Qualifikation meistens durchaus bereit, eine Beschäftigung anzunehmen, bei der die Bezahlung unter dem geschätzten Marktlohn liegt. Für solch ein Verhalten spricht die Befürchtung, durch weitere Beschäftigungslosigkeit eigenes Humankapital zu verlieren. Im Gegensatz dazu fordern Niedrig-Qualifizierte häufiger einen Lohn, der den Marktlohn übersteigt. Verantwortlich dafür, so vermutet der IWF-Experte, sind unter anderem das deutsche System der Arbeitslosenunterstützung, weil es den Erwerbssuchenden Anreize bietet, die Arbeitslosigkeit in die Länge zu ziehen, um nach einer besser bezahlten Stelle zu suchen.

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