Wirtschaft : Arbeitsmarktreform: "Das britische Arbeitsamt berät besser und macht Tempo"

Hohe Arbeitslosigkeit[wenig Wirtschaftswachstum.]

Dennis Snower (42) ist Professor am Birkbeck College in London und lehrt dort Wirtschaftswissenschaften. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Arbeitsmarkt. Am Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) leitet er das Programm "Wohlfahrtsstaat und Arbeitsmarkt".

Hohe Arbeitslosigkeit, wenig Wirtschaftswachstum. Was würden Sie der Bundesregierung raten, Herr Snower?

Der Aufschwung wird durch Flächentarifverträge und ähnliches gehemmt. Löhne müssen flexibler werden. Heutzutage stellen sich die Menschen vor, Lohnflexibilität sei einfach, die Löhne zu erhöhen oder zu senken, je nachdem wie es den Arbeitgebern gefällt. Das ist falsch.

Und was ist richtig?

Es geht darum, Anreize zu schaffen, damit sich die Arbeitnehmer besser in die veränderte Arbeitswelt einfügen. Löhne können nicht mehr zentral festgelegt werden. Die Anforderungen sind inzwischen von Betrieb zu Betrieb einfach zu unterschiedlich.

In Deutschland finden zurzeit viele überhaupt keine Arbeit ...

Anreize für mehr Beschäftigung sind leicht zu schaffen. Zum Beispiel sollte der Staat jedem Arbeitslosen über Gutscheine ermöglichen, einen Teil seines Arbeitslosengeldes einem Arbeitgeber - befristet auf ein bis zwei Jahre - anzubieten, falls er ihn anstellt. Die Höhe würde davon abhängen, wieviel Ausbildung der Arbeitnehmer im Rahmen der neuen Beschäftigung erhalten würde. Der Staat würde weniger Arbeitslosengeld zahlen und der Betrieb netto weniger Lohn. Und der Arbeitnehmer hätte dann mehr, als wenn er arbeitslos bleiben würde.

Was unterscheidet Ihr Modell von dem deutschen Kombilohn?

Der Kombilohn hängt nicht von dem Arbeitslosengeld ab, das der Staat sonst überwiesen hätte. So besteht die Gefahr, dass der Staat drauf zahlt. Außerdem unterstützt der Kombilohn eben nur die niedrigen Lohngruppen - und das wirkt wie eine Steuer auf Ausbildung. Denn jemand, der sich weiterbildet und dadurch einen höheren Lohn erhält, verliert diese Subvention.

Das ist viel Theorie. Wie steht es aber mit der Praxis?

Das Beispiel Holland hat gezeigt, was Anreize bewirken können. Als die Arbeitslosigkeit hoch war, haben alle gesagt, das liegt an der Kultur, an der Einstellung. Sobald aber Anreize dafür gegeben wurden, Arbeit aufzunehmen, habe sie sich ganz anders verhalten.

Angenommen, es gäbe die Anreize - wäre die deutsche Wirtschaft denn überhaupt in der Lage, genügend Arbeit bereitzustellen?

Es gibt keine feste Menge Arbeit, die verteilt werden kann. Nehmen wir an, ein neuer Angestellter würde einen Arbeitgeber nichts kosten. Natürlich würde der Unternehmer dann viele Leute einstellen. Wenn neue Leute zu teuer sind, dann stellt er keinen ein. Das heißt: Wenn Arbeit billig genug ist, wird sie auch nachgefragt. Das erzeugt mehr Einkommen, mehr Nachfrage - und das wiederum mehr Arbeit.

Sie beraten auch die britische Regierung. Machen es die Briten besser?

Ja, denn das Arbeitsamt berät besser und kann außerdem Druck ausüben. Einem Arbeitslosen, der eine angebotene Stelle nicht annimmt, kann das Arbeitslosengeld stark gekürzt werden. Der Nachteil Großbritanniens ist sicher aber sein schlechtes Ausbildungssystem ...

und es gibt kaum Kündigungsschutz.

Die schlechteste Art, Arbeitsplätze zu sichern, ist, bestimmte Berufe in bestimmten Branchen zu schützen. Das macht einen Arbeitsmarkt sehr unflexibel. Es wäre besser, wenn man zwar einem Betrieb erschwert, jemanden zu entlassen, es aber gleichzeitig erleichtert, den betreffenden Arbeitnehmer zu einer anderen Tätigkeit zu verpflichten. Ich bin nicht generell gegen Kündigungsschutz. Aber man muss auch sagen, dass sich die Menschen sicherer fühlen, wenn die Beschäftigungsquote hoch ist, egal ob der Kündigungsschutz stark ist oder nicht. Das konnte man bis vor kurzem noch in den USA sehen.

Der Umgang der USA mit Arbeitslosen als Vorbild für Europa?

Ich bin genug Europäer, um dieses nicht uneingeschränkt gut zu heißen. Die Bürger müssen genügend Sicherheit vor konjunkturellen Schwankungen haben. Wenigstens die Sozialhilfe muss ihnen geboten werden, damit sie in einer gewissen Würde leben können.

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