Arbeitsschutz : Wenn der Job gefährlich wird

Berlin registriert weniger Arbeitsunfälle als im Bundesdurchschnitt. Trotz der vielen Baustellen. Bei berufsbedingten Krankheiten wird die Psyche immer relevanter.

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Ein Arbeiter steht auf einem Betonfüller, der an einem Baukran hängt.
Ein Arbeiter steht auf einem Betonfüller, der an einem Baukran hängt.Foto: ZB

Bei einer Pizza-Kette mussten die Mitarbeiter auch sonntags frischen Hefeteig produzieren. In einem Backshop saßen die Angestellten im Winter bei neun Grad hinter der Kasse. Beides untersagte das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (LaGetSi) im vergangenen Jahr. Keine frierenden Beschäftigten. Keine Arbeit am Ruhetag, die ebenso gut an einem Werktag möglich ist.

Was die Behörde im vergangenen Jahr nach einem tödlichen Unfall außerdem kontrollierte, waren Kräne. Das LaGetSi überprüfte zehn Baustellen und fand zahlreiche Mängel. Baustellen sind mit die gefährlichsten Orte für Arbeitnehmer. Doch obwohl Berlin wächst und Kräne zum Stadtbild gehören, liegt die Zahl der Arbeitsunfälle in der Hauptstadt unter dem Bundesdurchschnitt.

Fünf Prozent im Baugewerbe

Im Jahr 2014 verunglückten hier von 1000 versicherten Beschäftigten 19, wie Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) am Dienstag bei der Vorstellung des Arbeitsschutzberichts 2015 sagte. Bundesweit waren es im Schnitt 25 Unfälle bei 1000 Beschäftigten. Insgesamt wurden vor zwei Jahren 30581 meldepflichtige Arbeitsunfälle in Berlin vermeldet. Aktuellere Zahlen liegen erst im Herbst vor. Unfälle auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause wurden nicht berücksichtigt. Dies waren in Summe 12204.

Doch warum die unterdurchschnittliche Quote? Robert Rath, Chef der Behörde, meinte, dass es in der Stadt eine „starke soziale Kontrolle“ gebe, etwa durch aufmerksame Nachbarn. Bei schlechten Bedingungen sei ein Arbeitsplatzwechsel außerdem schneller möglich. Anders als auf dem Land. Kolat sagte, viele Berliner Unternehmen würden den Arbeitsschutz sehr ernst nehmen. Dazu kommt aber auch schlichtweg die Berliner Wirtschaftsstruktur: Die große Mehrheit arbeitet im öffentlichen Dienst, bei Versicherungen, im Handel, Gastgewerbe und in der Medienbranche. Nur acht Prozent sind in der Industrie beschäftigt, fünf Prozent im Baugewerbe. Landwirtschaftliche Arbeit, bei der es oft zu Unfällen kommt, existiert quasi nicht.

Drei Unfälle waren tödlich

Die Zahl der tödlichen Unfälle hielt sich 2015 auf niedrigem Niveau. Drei Arbeiter haben auf Berliner Baustellen ihr Leben verloren: Ein Monteur verletzte sich bei Reinigungsarbeiten in einem Aufzugsschacht tödlich. Ein Kranfahrer wurde beim Abladen von schweren Hohlraumplatten durch den Turmdrehkran eines Lkw am Kopf getroffen. Ein Bauarbeiter stürzte beim Anbau eines Balkons aus neun Metern Höhe von einer Leiter. 2016 passierten tödliche Unfälle beim Rückwärtsfahren eines Radladers, beim Fensterputzen und bei Fassadenarbeiten.

Generell ist ein Sturz aus großer Höhe mit die häufigste Ursache. Dazu kommen Unfälle beim Überfahren oder Zerschneiden von elektrischen Leitungen, beim Stolpern, Schneiden mit gefährlichem Werkzeug – oder im Straßenverkehr, wenn jemand die Kontrolle über ein Fahrzeug verliert.

Psyche wird immer relevanter

Die am häufigsten genannten Berufskrankheiten waren im vergangenen Jahr erneut Hauterkrankungen. Die Behörde zählte 600 Verdachtsanzeigen. Schäden der Haut entstehen meist durch Feuchtarbeit. Zum Beispiel in der Friseur und Reinigungsbranche. Oder im Gesundheitswesen, wo mehr als zehn Prozent der Berliner Beschäftigten tätig sind. Außerdem wurden 286 asbestbedingte und 193 lärmbedingte Erkrankungen genannt; 115 Wirbelsäulen-, 140 Infektions- und 81 Atemwegserkrankungen. In Lebensmitteldiscountern, Möbelhäusern, Getränkemärkten und und Tischlereien klagten einige Mitarbeiter über Schmerzen im Muskel-Skelett-Bereich (Rücken).

Was neben den körperlichen Erkrankungen immer relevanter wird, sind die psychischen Belastungen von Arbeitnehmern. Bis 2018 läuft deswegen ein Arbeitsprogramm. Mitte 2015 fanden diesbezüglich die ersten Kontrollen statt: Die Aufsichtskräfte des LAGetSi besuchten 117 Unternehmen. Die Akzeptanz für das Thema sei zwar da, doch die Arbeitsbedingungen wurden in den Unternehmen kaum reflektiert. Im letzten Stressreport gaben 58 Prozent der Befragten an, dass gleichzeitiges Arbeiten an verschiedenen Projekten belastend sei, 50 Prozent Monotonie. Etwas weniger als die Hälfte störte es massiv, wenn sie bei der Arbeit unterbrochen werden. Jeder Vierte nannte explizit Leistungsdruck.

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