Wirtschaft : „Arbeitsstunden werden deutlich teurer“

ZDH-Chef Kentzler lehnt höhere Mehrwertsteuer ab

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Herr Kentzler, jeder will Subventionen abbauen – nur die Handwerker bekommen neue. Ist das gerecht?

Sie meinen den Steuerbonus auf Handwerksleistungen bis zu einem Betrag von 3000 Euro. Das ist kein Steuergeschenk, sondern eine Investition in Arbeit. 50 000 Stellen werden so in diesem Jahr gesichert oder entstehen neu. Für den Verbraucher wird es attraktiver, einen regulären Betrieb zu beschäftigen. Damit entsteht mehr Nachfrage, Schwarzarbeit wird unattraktiver.

Und 2007 macht die Erhöhung der Mehrwertsteuer alles wieder zunichte?

Die Erhöhung ist das falsche Signal. Zumal die Steuereinnahmen schon durch den Aufschwung steigen. Das muss Anlass sein, den Konjunkturkiller Mehrwertsteuererhöhung zu überdenken.

Immerhin soll im Gegenzug der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung sinken.

Das kann man auch durch Kürzungen bei der Arbeitsmarktpolitik erreichen. Die kostet Milliarden und bringt kaum Menschen in reguläre Arbeit. Im Übrigen hilft uns im Handwerk das Verschieben der Gelder von der linken in die rechte Tasche nichts. Die Mehrwertsteuer macht die Arbeitsstunde um einen Euro teurer, die geringeren Sozialbeiträge verbilligen sie nur um 20 Cent. Das bedeutet: Handwerker werden für den Verbraucher deutlich teurer, in fast jeder Branche. Bei steigenden Preisen werden wieder mehr Bürger Schwarzarbeit in Anspruch nehmen.

Soll es härtere Strafen für Schwarzarbeit geben?

Der Staat tut schon eine Menge, auf Großbaustellen funktioniert das. Gegen die Schattenwirtschaft im privaten Sektor müssen wir aber an die Wurzeln ran: die zu hohe Belastung der Arbeit mit Abgaben und Steuern. Schwarzarbeit ist zum Kavaliersdelikt geworden, hier muss ein Umdenken her. Bei uns im Betrieb gibt es die klare Ansage: Wen ich bei Schwarzarbeit erwische, der muss gehen.

Experten sagen, seit dem Ende des Meisterzwangs gibt es weniger Schwarzarbeit.

Schwarzarbeiter haben jetzt vielleicht eine Gewerbekarte. Aber machen wir uns nichts vor. Arbeitslose melden ein Gewerbe an und können dank staatlicher Förderung zu Minipreisen arbeiten. Menschen aus den EU-Beitrittsländern sind vielfach in großen Gruppen als Scheinselbstständige tätig oder arbeiten zu den Bedingungen ihrer Heimatländer an Fiskus und Sozialsystemen vorbei. Als Fliesenleger, Gebäudereiniger, Raumausstatter. 90 Prozent sind Ungelernte, das drückt die Qualität. Allein bei Fliesenlegern ist die Zahl der Betriebe 2005 um 49,8 Prozent angestiegen. Gleichzeitig ist der Umsatz im Handwerk gesunken. Hier findet kein regulärer Wettbewerb mehr statt. Das ist Dumping auf Kosten der regulär Beschäftigten, das führt viele ehrliche Betriebe in die Insolvenz.

Das ist Marktwirtschaft – der Wettbewerb drückt die Preise, das freut die Kunden.

Harten Wettbewerb fürchten wir nicht, den haben wir längst. Aber hier ist der Wettbewerb verzerrt, keiner kann mit einem regulär Beschäftigten gegen Löhne unter fünf Euro angehen, wie sie ausländische Scheinselbstständige oft nur bekommen. Ich glaube nicht, dass das von der Regierung gewollt war. Die neuen Mini-Betriebe bilden ja nicht einmal aus. Im Koalitionsvertrag ist angekündigt, die Folgen der Novelle der Handwerksordnung zu analysieren. Das ist der richtige Weg.

Die Industrie muss im Wettbewerb die Löhne drücken, das Handwerk ruft lieber nach Schutz vom Staat?

Die Löhne im Handwerk liegen unter denen der Industrie. Aber unsere Mitarbeiter wissen, dass sie sich weiter bescheiden müssen. Eine Erhöhung der Arbeitszeit hilft den Betrieben, preiswerter anzubieten. Wer im Markt besser dasteht, kann auch neue Jobs schaffen. Auch 42 Stunden dürfen daher kein Tabu sein.

Die große Koalition prüft einen gesetzlichen Mindestlohn. Was halten Sie davon?

Nichts. Wenn der zu hoch angesetzt wird, werden Arbeitsplätze vernichtet. Ich halte mehr davon, wenn die Tarifpartner über Löhne verhandeln.

Wenn die Tarifpartner sich auf Mindestlöhne einigen, haben Sie nichts dagegen?

Nein, das ist das Wesen der Tarifautonomie.

Die Deutschen sollen länger arbeiten. Wie viele Handwerker sind heute älter als 50?

Im Schnitt gehen die Beschäftigten mit 62 Jahren in Rente. Die Leute arbeiten im Handwerk länger als in der Industrie oder im Handel. Allerdings wollen auch unsere Leute oft in Frührente gehen, wie es ihnen die Kollegen der Industrie vormachen. Deshalb: Wer Menschen länger in Arbeit halten will, der muss ehrlicherweise alle Frühverrentungs- und Altersteilzeitprogramme sofort abschaffen.

Würden Sie einen 58-Jährigen einstellen?

Wenn ich Bedarf dafür hätte, ja.

Gibt es denn genügend Jobs für Ältere?

Mit der demographischen Entwicklung werden in zehn Jahren die Fachkräfte fehlen. Da werden wir jeden brauchen.

Otto Kentzler (64) ist Klempner, Ingenieur und seit 2005 Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Mit ihm sprachen

Carsten Brönstrup und Cordula Eubel.

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