Arbeitsvermittlungen : Zahl der Tagelöhner sinkt

Tagelöhner zählen in Deutschland zu einer aussterbenden Spezies – die Politik will sie nicht. Zu Besuch in einer der letzten Vermittlungsstellen.

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Ein paar Stunden Arbeit. Die meisten Jobs für Tagelöhner stammen aus der Bau- oder der Logistikbranche. Fast immer sind es Tätigkeiten, für die es keiner Ausbildung bedarf. Das Geld gibt es am Ende des Tages bar auf die Hand. Foto: ddp
Ein paar Stunden Arbeit. Die meisten Jobs für Tagelöhner stammen aus der Bau- oder der Logistikbranche. Fast immer sind es...Foto: ddp

Berlin - Jörg Regner war in seinem Leben schon so einiges: Bauarbeiter, Plastikflaschenzerschredderer, Steineklopfer, Möbelpacker, Lagerarbeiter, Streusalzausstreuer. Irgendwann hat der heute 42-Jährige mal Bankkaufmann gelernt. Aber das ist lange her, gibt er zu. „Verdammt lange.“ Sein Versuch, sich als Finanzberater selbstständig zu machen, endet in Schulden. Danach ist Regner beruflich nie wieder richtig auf die Füße gekommen. „Ich schlag mich so durch“, sagt er über sich selbst.

Regner ist Tagelöhner. Er gehört zu einer aussterbende Spezies in Deutschland. Wie viele es noch gibt, weiß niemand, nur dass sie weniger werden. Genau wie die Vermittlungsstellen, von denen nur noch eine Handvoll in Deutschland existieren. Regner lebt von Hartz IV und Gelegenheitsarbeit. Was er morgen sein wird, weiß er noch nicht. Heute ist er für ein paar Stunden Laderampenreiniger.

Für den Job ist Regner, der eigentlich anders heißt, mitten in der Nacht aufgestanden und mit dem Bus von Prenzlauer Berg zum Jobcenter Neukölln gefahren. Um vier Uhr früh hat er seinen Personalausweis in eine Pappschachtel bei der Jobvermittlung geworfen, sein Los in der Job-Tombola.

Seit 2004 macht er das rund sechs Mal im Monat. Meist in der zweiten Hälfte, wenn das Geld knapp wird. Mal hat er Pech, mal hat er Glück. Heute hatte er Glück. Heute wurde sein Personalausweis gezogen.

Das war vor einer halben Stunde. Inzwischen zeigt die Uhr nach fünf. Regner steht draußen vor dem Jobcenter und zieht an einer Zigarette. Er trägt Jeans, Jeansjacke und einen goldenen Ring im linken Ohr. Auf dem Kopf eine Schiebermütze, an den Füßen schwere Arbeitsstiefel. In vier Stunden muss er sich am Westhafen melden. Dort soll er die Laderampen von Unkraut und Müll befreien. Sieben Euro netto pro Stunde gibt es dafür, bar auf die Hand. Dann ist er wieder ohne Arbeit. Alltag für einen Tagelöhner.

Thomas Schröder benutzt das Wort Tagelöhner selten. Für den Leiter der Tagesjobvermittlung in Neukölln ist Regner „ein Kunde“. Wenn Schröder um halb vier morgens seinen Arbeitstag beginnt, macht er die Kaffeemaschine an, fährt den Computer hoch und hört den Anrufbeantworter ab, um die Angebote für den Tag zu sichten. Die frühen Arbeitszeiten stören ihn nicht. Binnen einer Woche habe er sich daran gewöhnt, sagt der 44-Jährige mit dem Bürstenhaarschnitt und dem runden Gesicht. Die meisten vermittelten Jobs stammen aus dem Baugewerbe. Das fängt zeitig an – also auch die Jobbörse.

An diesem Freitag laufen die Geschäfte ruhig. Heute gab es nur zwei Jobs. Einen davon hat Regner bekommen, jetzt ist die Liste leer. Im Wartezimmer sitzen aber immer noch drei Leute. Alles Männer. „Frauen sind auf den Bau kaum zu vermitteln“, sagt Schröder. Gegen halb sechs wird einer ungeduldig und steckt ohne zu klopfen seinen Kopf durch den Türspalt. „Hassu jetz Arbeit?“, fragt der hagere Mann. „Nee“, sagt Schröder. „Aber Kaffee.“ Er füllt eine Tasse und reicht sie rüber. Der Kopf verschwindet wieder. Der Personalausweis des Ungeduldigen bleibt in der Pappschachtel liegen.

Dass er die Jobs in der Regel verlose, verhindere Krach, sagt Schröder. Mehr als fünf bis zehn Angebote am Tag werden es derzeit selten. Dürfte Schröder nicht nur in sozialversicherungspflichtige Jobs vermitteln, könnten es ein paar mehr sein, sagt er. Täglich meldeten sich Privatleute, die Hilfen für den Garten oder beim Umzug bräuchten. Die muss er enttäuschen. Vorschrift.

Seit er die Leitung der Tagesjobvermittlung 2006 übernahm, hat Schröder exakt 3258 Personen vermittelt. Manche einmal, manche zigmal. 20 bis 30 Männer zählt er zu seiner Stammkundschaft. Die meisten beziehen wie Regner Hartz IV und wollen etwas dazuverdienen. Nur von der Tagelöhnerei allein könne kaum einer leben. Viele wollten das auch nicht. Schröder sagt, alle seine Kunden eine der Wunsch, täglich zu entscheiden, ob sie arbeiten wollten und zu welchen Konditionen. Manch einer käme mit den Hierarchien im Berufsleben nicht klar, ein anderer nicht mit der Routine. Manch einer könne wegen Krankheit nicht lange arbeiten, ein anderer wolle wegen Schulden keinen Zahlungseingang auf seinem Konto. Wieder einem anderen falle zu Hause schlicht die Decke auf den Kopf, wenn er nichts tue. Im vergangenen Jahr konnte er nur zwei seiner Kunden in eine Festanstellung vermitteln. „Immerhin“, sagt Schröder. Er klingt zufrieden.

Für Jörg Regner ist auch die Selbstachtung eine Motivation, sich mitten in der Nacht auf den Weg zu machen. Er arbeite vor allem, um seinen drei Kindern ein Vorbild zu sein, sagt er. Immer wieder aber spiegelt sich in seinen Worten die Angst, abzurutschen, wenn er gar nicht arbeitet. Die Tagesjobs sind eine Möglichkeit, nicht Ja und nicht Nein zu einer dauerhaften Beschäftigung sagen zu müssen. „Ich hätte schon gern eine feste Stelle“, sagt er. „Aber nicht um jeden Preis.“

Dass die Tagesjobvermittlungen weniger werden, hat politische Gründe. Sie widersprechen der staatlich vorgegebenen Philosophie. Nach dieser sollen Arbeitslose nur noch Angebote bekommen, die in dauerhafte, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung münden, was Tagesjobs naturgemäß nicht sind. Konrad Tack, der Geschäftsführer des Jobcenters Neukölln, hält das Angebot dennoch für notwendig. „Das ist die einzige Möglichkeit, die Menschen anzusprechen, die sonst durch das Raster der Arbeitswelt fallen“, sagt er. „Ohne diese Anlaufstelle sind diese Menschen meist nicht zu erreichen und werden völlig vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen.“ Das sei auch der Hauptunterschied zu den Zeitarbeitsfirmen, die sich ja hauptsächlich um gelernte Fachkräfte kümmerten. An der letzten verbliebenen Tagesjobvermittlung der Stadt, seit die Anlaufstelle am Fruchthof nahe der Beusselstraße 2004 geschlossen hat, will er deshalb festhalten.

Welche Jobcenter oder Arbeitsgemeinschaften in Deutschland eine solche Tagesjobbörse anbieten, wird nicht mehr zentral erhoben. „Das entscheiden die Agenturen selber“, sagt eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Dort ist nur bekannt, dass es neben Berlin solche Vermittlungen in Hamburg, München und Frankfurt am Main gibt. In allen Anlaufstellen werden Hilfsarbeiterjobs vor allem im Bau-, Logistik- und Gartengewerbe vermittelt. Und überall ist der harte Kern der Tagelöhner überschaubar. In Hamburg umfasst der Pool etwa 150 Leute.

Auf eines legt Tack jedoch wert. Das Angebot solle nicht als Wohlfahrtseinrichtung missverstanden werden. Durch das Jobben verdienten die Tagelöhner teils nämlich so viel dazu, dass ihre Behörde weniger Unterstützung auszahlen muss. „Darüber hinaus kommen wir auf diese Weise mit Firmen in Kontakt, die so auf die Idee kommen können, über uns auch eine längerfristige Arbeitskraft zu suchen.“

Gelegentlich klappt das. Gerade hat Thomas Schröder es mal wieder geschafft. Ein Tagesjobber wird im nächsten Monat als Tellerwäscher in einem Hotel in Süddeutschland anfangen. „Das sind Erfolgserlebnisse“, sagt Schröder und strahlt mit der Morgensonne um die Wette. Dann fährt er den Rechner herunter. 11.30 Uhr, Feierabend.

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