Wirtschaft : Arbeitzeit kürzen, um Arbeitsplätze zu retten

Berliner IG Metall-Chef zum innergewerkschaftlichen Streit um die 32-Stunden-Woche / Osten nicht abhängen

BERLIN (alf).An einer weiteren generellen Verkürzung der Arbeitszeit führt nach Einschätzung des IG Metall-Bezirksleiters von Berlin-Brandenburg und Sachsen, Hasso Düvel, kein Weg vorbei.Allerdings, so Düvel im Gespräch mit dem Tagesspiegel, "müssen wir mit der Umsetzung differenziert umgehen".Düvel nahm Stellung zum innergewerkschaftlichen Streit über den Vorschlag des IG Metall-Chefs Klaus Zwiêkel, nach dem branchenweit die 32-Stunden-Woche ohne vollen Lohnausgleich eingeführt werden soll.In der IG Metall selbst war dies scharf kritisiert worden.Die Fürsprecher größerer Freiräume in den Tarifverträgen lehnen einheitliche Arbeitszeitverkürzungen für alle ab.Andere beklagen den fehlenden Lohnausgleich.Und Ostgewerkschafter wie Düvel schließlich kritisieren die Westperspektive der Frankfurter Gewerkschaftsspitze: Zwar will Zwickel auch die Arbeitszeit im Osten kürzen.Läuft dies jedoch parallel zur Westentwicklung, dann drohe die Differenz zwischen Ost und West "zementiert" zu werden, befürchtet Düvel.In der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie werden gegenwärtig 35 Stunden die Woche gearbeitet; im Osten beträgt die tarifliche Wochenarbeitszeit 38 Stunden.Aufgrund der wachsenden Spanne zwischen Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum ist Düvel zufolge eine weitere Arbeitszeitverkürzung unverzichtbar, allein, um Arbeitsplätze zu erhalten.In der Metallbranche beispielsweise sei die Produktivität zuletzt um 6,5 bis sieben Prozent gestiegen, das Wirtschaftswachstum habe gleichzeitig bei knapp 2,5 Prozent gelegen."Die Differenz geht zu Lasten der Arbeitsplätze", beschreibt Düvel den Sachverhalt, daß immer weniger Arbeitnehmer immer mehr produzieren.Eine generelle Arbeitszeitverkürzung sei notwendig, da sonst "die Belegschaften gespalten werden".Im übrigen beobachte er zunehmend "die Polarisierung innerhalb einer Klasse".Es gehe immer weniger um Verteilung zwischen Arbeit und Kapital, sondern im Kontext der Globalisierung und des shareholder value werde nur noch "von unten nach oben verteilt".So würden die Produktivitätssprünge sich in den Bilanzen der Unternehmen wiederfinden, die Arbeitnehmer dagegen profitierten bei seit Jahren stagnierenden Realeinkommen kaum von ihrer höheren Leistung. An diesem Punkt setzt Düvel seine Forderung nach Lohnausgleich an: Die Produktivitätssprünge könnten ­ wie übrigens auch beim Weg zur 35-Stunden-Woche ­ für weniger Arbeitszeit und mehr Lohn genutzt werden.Weniger Arbeit mit entsprechend weniger Lohn sei nicht drin: "Die meisten Arbeitnehmer haben nichts mehr abzugeben." Ähnlich wie Zwickel will auch Düvel die Bundesanstalt für Arbeit, die im Jahr 150 Mrd.DM für Arbeitslosigkeit ausgebe, mit ins Boot nehmen: Betriebe, die ihre Arbeitszeit verkürzen und das dadurch "frei werdende" Arbeitsvolumen über die Einstellung von Arbeitslosen abdecken, sollten dafür mit einem Zuschuß der Arbeitsämter belohnt werden.Somit könne ein Teil der Kosten des Lohnausgleichs für die Unternehmen finanziert werden.Um in Ostdeutschland mittelfristig die gleiche Arbeitszeit zu erreichen wie im Westen, schlägt Düvel einen Stufenplan vor.Mit welchen Fristen, sei dabei nachrangig.Wichtig für die Ostarbeitnehmer sei die Perspektive einer Gleichbehandlung. Die innergewerkschaftliche Diskussion über die künftige Tarifpolitik werde nun in den Bezirken geführt und Ende des Jahres bundesweit abgestimmt.1998 sei dann "das Jahr der Mobilisierung"; Ende nächsten Jahres laufen die Tarifverträge in Ost wie West aus.Schließlich verweist Düvel auf die Effekte der bisherigen Arbeitszeitverkürzungen: Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit wurden in der Metallindustrie 300 000 Stellen geschaffen; in der Wirtschaft insgesamt sogar 800 000.

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