Arcandor-Insolvenz : Bei Quelle wächst die Wut

Hart haben sie um Hilfen des Staates gekämpft. Umsonst. Der Versandhändler Quelle geht mit der Mutter Arcandor in die Insolvenz. Wie zwei Betriebsräte die Pleite erleben.

Philip Faigle

BerlinBis zuletzt, sagt Beate Ulonska, habe sie geglaubt hat, dass die Regierung einspringen werde. Sie hat es einfach nicht für möglich gehalten, dass man sie und ihre Tausenden Kollegen einfach fallen lassen würde. Nicht so schnell zumindest. Warum, fragt sie, hat die Kanzlerin nicht noch einmal zu einem Runden Tisch geladen? Warum war stets die Rede davon, die Konzernmutter Arcandor müsse die "Kriterien" für Staatshilfen erfüllen, wenn doch diese Kriterien am Ende überhaupt nicht mehr klar gewesen seien? "Die Enttäuschung ist maßlos", sagt sie.

Ulonska sitzt in einem Büro in der Konzernzentrale in Essen. Sie ist Betriebsrätin der Quelle-Zentrale in Fürth, zuständig für 2500 Beschäftigte, die nun um ihren Job fürchten, seit der Mutterkonzern Arcandor am Dienstagnachmittag Insolvenz beantragt hat. Wochenlang redete die Republik über Karstadt. Rund 32.000 Jobs stehen bei dem Warenhausunternehmen auf dem Spiel. Über Quelle sprach jedoch kaum jemand, obwohl es bei der Arcandor-Tochter ebenfalls um rund 15.000 Jobs geht. Man sei in dem ganzen Szenario untergegangen, klagt man im Betriebsrat des Unternehmens.

Ulonska hat deshalb so viel Wind gemacht wie möglich. Sie hat vergangenen Mittwoch 4000 Quelle-Mitarbeiter in Nürnberg zusammengetrommelt, um für Hilfen des Staates zu demonstrieren. Die beantragte Bürgschaft von 630 Millionen Euro oder ein Notfallkredit hätten den Konzern und damit auch Quelle erstmal gerettet, ist sie sich sicher. Bayerns Umweltminister Markus Söder reiste an und versprach, man werde sich für Bürgschaften stark machen – "wenn die Möglichkeit besteht“. Ministerpräsident Horst Seehofer forderte, der Lenkungsausschuss des Deutschlandsfonds möge den Antrag "objektiv und sorgfältig prüfen".

Dann aber passierten Dinge, die die Betriebsrätin bis heute nicht versteht. In Brüssel ließ EU-Wettbewerbskommissarin Nellie Kroes verlauten, man sehe eine Staatsbürgschaft für den Arcandor-Konzern kritisch. Kurz darauf hörte Ulonska im Radio, wie  Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sagte, man müsse die Entscheidung aus Brüssel ernst nehmen. Seither habe die Regierung stets darauf gepocht, Eigentümer und Gläubiger müssten einen stärkeren Beitrag leisten, sagt Ulonska. "In Wahrheit aber haben wir nie eine wirkliche Chance bekommen."

Die Betriebsrätin ist überzeugt, dass die Beschäftigten von Quelle und die übrigen Kollegen bei Karstadt Opfer einer politischen Auseinandersetzung seien, die derzeit in Berlin geführt wird. Bereits die Opel-Rettung war innerhalb der Union heftig umstritten, die SPD gab sich jedoch als Retter in der Not und trieb den Koaltionspartner im Europawahlkampf mit immer neuen Rettungsforderungen vor sich her. Nun, da die SPD am Sonntag so kräftig verloren hat, wollen die Kanzlerin und ihr Wirtschaftsminister davon nichts mehr wissen. "Da wurde eine politische Entscheidung auf unserem Rücken ausgetragen", klagt Ulonska. Wie sonst lässt sich erklären, dass die Regierung Opel beispringt, Arcandor aber in die Insolvenz schickt?

"Das ist der Super-Gau", sagt Ernst Sindel. Er ist Gesamtbetriebsrat der Quelle GmbH, seit 30 Jahren, bei dem Versandhändler arbeitet er seit den siebziger Jahren. Er hat noch erlebt, wie das Geschäft florierte, als sie im Frankenland vom Versandhaus der Greta Schickedanz als "Quelle des Wohlstands" sprachen. Er war auch dabei, als es in den neunziger Jahren langsam bergab ging und es die ersten betriebsbedingten Kündigungen gab. Danach schrumpfte Quelle immer weiter. Er selbst hat 2005 einen Sanierungstarifvertrtag mit ausgehandelt, durch den die Beschäftigten seither auf Teile ihres Gehalts verzichten. "So etwas wie heute, blieb uns aber bislang erspart", sagt Sindel.

Die Entscheidung, Arcandor und damit auch Quelle in die Insolvenz gehen zu lassen hält er für fatal, vor allem für das Frankenland. Ein paar Kilometer weiter stehen bereits 28.000 Arbeitsplätze bei Schaeffler auf dem Spiel. Und bei der Posttochter DHL gebe es 5000 Mitarbeiter, die von dem Versand für Quelle abhingen. "Für Fürth, Nürnberg und Umgebung hätte es enorme Auswirkungen, wenn die Arbeitsplätze verschwinden."

Unwahrscheinlich ist das nicht. Quelle gilt schon lange als Problemfall im Arcandor-Konzern. Eine Lösung für das Unternehmen ist nicht in Sicht – ebenso wenig wie ein Käufer. Zwar interessiert sich die Otto Gruppe für einige Teile der Primondo-Sparte von Arcandor, zu der auch Quelle gehört. Am Versandhändler selbst aber zeigt man kein Interesse. Womöglich ließen sich die Auslandsaktivitäten in Osteuropa und Russland veräußern, wo das Wachstum noch ordentlich ist. In den angestammten Märkten aber kommt Quelle nicht mehr auf den Boden.

Vor allem das Internetgeschäft bereitet Probleme. Zwar macht das Unternehmen nach einem Gutachten von PriceWaterhouseCooper (PWC) noch immer mehr Umsatz als die direkten Konkurrenten Otto und Neckermann. Auch haben sich die Zahlen zuletzt verbessert. Aber Internetanbieter wie Amazon und Ebay ziehen das Versandgeschäft immer stärker an sich. Hinzu kommen Einzelhandelsketten, die ihre Produkte online vertreiben und Quelle Marktanteile wegnehmen.

Dennoch will Sindel die Hoffnung nicht aufgeben. „Natürlich sitzt der Schock bei den meisten Beschäftigten tief, viele denken, eine Insolvenz sei das endgültige Ende“, sagt er. Man werde aber weiter kämpfen. „Die Mitarbeiter von Quelle werden zeigen, wozu sie in der Lage sind“. (Zeit Online)

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