Arcandor : Retten oder Bestatten?

In den nächsten Monaten entscheidet sich die Zukunft des insolventen Handels- und Tourismuskonzerns.

David C. Lerch

Düsseldorf - Viele der mehr als 40 000 Beschäftigten von Arcandor hatten sich lange gegen die drohende Insolvenz gestellt. Vergeblich. Während ihr Kampf am vergangenen Dienstag zu Ende ging, beginnt für andere eine wahre Mammutaufgabe. Der vom Amtsgericht Essen bestellte vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und der von Arcandor ausgesuchte Generalbevollmächtigte Horst Piepenburg haben das größte Insolvenzverfahren der deutschen Wirtschaftsgeschichte zu stemmen.

Das bedeutet zunächst das Studium von endlosen Zahlen und Fakten. „Am Anfang jedes Insolvenzverfahrens steht viel Fleißarbeit“, sagt Volker Grub. Er muss es wissen. Der Stuttgarter Anwalt war in seiner Laufbahn an mehr als 500 Insolvenzverfahren beteiligt, darunter die Fälle von Bauknecht, Südmilch und aktuell Schiesser.

Den Handels- und Touristikkonzern Arcandor zu durchleuchten, bedeutet für die Verwalter wohl noch mehr Arbeit als in anderen Fällen. Nicht nur wegen der schieren Größe des Unternehmens, sondern auch, weil es sich um vier einzelne Insolvenzen auf einmal handelt, vom Gesamtkonzern und von den Töchtern Karstadt, Primondo und Quelle. „Die Verwalter müssen die vier Firmen einzeln betrachten und jedes Kaufhaus und jeden Shop unter die Lupe nehmen, um zu prüfen, was profitabel ist“, erklärt Grub.

Die dringendste Aufgabe bei Arcandor sieht Grub darin, die Warenversorgung sicherzustellen. „Ein Kaufhaus oder ein Versandhandel muss immer lieferbereit sein“, sagt Grub. „Wenn Karstadt die Waren ausgehen, bleiben die Kunden weg.“ Grundsätzlich rät der Experte zu raschem Handeln: „Die sehr verlustträchtigen Häuser sollte man sehr schnell schließen, um die übrigen zu sanieren“ – um sie anschließend zu verkaufen oder zu erhalten. Für Grub ist eine Insolvenz nicht das Ende eines Unternehmens. Vielmehr sieht er darin „eine sehr große Chance, weil man sehr viel radikaler Restrukturierungsmaßnahmen durchführen kann“.

Ist die Insolvenz einmal angemeldet, gebe es für ein Unternehmen nur noch zwei Wege: fortführen oder schließen. Vor diese Alternative gestellt, seien viele Lieferanten, aber auch Gewerkschaften und Arbeitnehmer zu größeren Zugeständnissen bereit. Zudem ermöglicht es die im Jahr 1999 erneuerte Insolvenzordnung, sich trotz langer Laufzeiten von teuren Verträgen zu lösen. Das kann etwa die Energieversorgung betreffen, die Konditionen mit den Zulieferern oder wie bei Karstadt die Mietverträge.

Die entscheidende Phase einer Insolvenzverwaltung sind Grub zufolge die ersten drei Monate. In dieser Zeit – bei Arcandor sind es Juni, Juli und August – zahlt die Bundesagentur für Arbeit (BA) die Gehälter der Beschäftigten, das sogenannte Insolvenzgeld. So gewinnt das Unternehmen Zeit, die Weichen für die Zukunft zu stellen. „Ein cleverer Insolvenzverwalter entscheidet in diesen drei Monaten, was geschlossen und was verkauft wird“, sagt Grub. Auch ob ein Unternehmen saniert oder abgewickelt wird, entscheidet sich in dieser Phase. Bei Arcandor wird das offizielle Insolvenzverfahren voraussichtlich am 1. September eingeleitet. Bis dahin steht Görg und Piepenburg noch viel Arbeit bevor.David C. Lerch

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