Architektur : "Wo möchten Sie wohnen, links oder rechts?"

Die Energieeinsparverordnung bedroht flächendeckend die Baukultur – ein Plädoyer gegen die falsche Wärmedämmung.

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Aus Alt mach Neu. Ist diese Fassade nach der Wärmedämmung schöner geworden? Legt man die Anforderungen der geltenden Energieeinsparverordnung 2009 zugrunde, sind in Deutschland annähernd 30 Millionen Immobilien als energetisch verbesserungsbedürftig anzusehen. Das betrifft also rund drei Viertel aller Wohnungen. Die Energiesparziele sind oft allerdings auch zu erreichen, ohne die vorgefundene Bausubstanz mit Styroporplatten zu verkleistern und Fenster zu Lichtschächten zu verkleinern. Foto (Promo): Max von Trott zu Solz
Aus Alt mach Neu. Ist diese Fassade nach der Wärmedämmung schöner geworden? Legt man die Anforderungen der geltenden...

Es gab einen Paradigmenwechsel in der Architektur, damals in den 60er Jahren, als sich die Steinwolle als neuer Dämmstoff verbreitete, und die Bauphysiker die zweischalige Außenwand lobpreisten. Die tragende Wand aus Mauerwerk oder Beton, darauf die Wärmedämmung, dann eine Lattung mit zwei Zentimetern zirkulierender Luft und darauf die Wetterfassade genagelt, vorzugsweise aus Asbestfaserzementplatten. Damit ließen sich die Wärmeverbrauchswerte überzeugend senken. Das Prinzip gilt für Neubauten bis heute.

Es wurde aber auch für Altbauten empfohlen, vorzugsweise von ausschwärmenden Vertretern der Baustoffindustrie. Als zöge die Blatternseuche übers Land, wurden halbe Dörfer davon befallen. Die Bauernhäuser verschwanden hinter bleichen Asbestzementtafeln. An Ecken und Kanten, Gesimsen und Schornsteinen musste mit Aluminiumschienen zurechtgebastelt werden. Die Sprossenfenster flogen gleich mit auf den Müll und wurden durch Plastikrahmen ersetzt. Und so glotzten die Häuser hinfort hohläugig aus ihrem fahlen Totenhemd.

Nur sehr wenige dieser aufgedoppelten Fassaden werden sich rentiert haben. Rasch verschmutzt und unansehnlich, bruchempfindlich bei Sturm und Vandalismus, bei unsachgemäßer Montage Feuchtigkeitsschäden an der Substanz verursachend, verschwanden sie bald wieder aus dem Dorf- und Stadtbild.

Heute schwappt ein neuer Wärmedämmtsunami übers Land, diesmal von höchster Stelle verordnet. Mittels der Energieeinsparverordnung (EnEV) will die Politik erreichen, dass der Energieverbrauch durch Heizung und Kühlung von Gebäuden bis zum Jahr 2050 um drei Viertel reduziert wird. Im Neubaubereich wirft das keine Probleme auf. Man kann aber auch nahezu jeden Altbau energetisch ertüchtigen, und viele Hausbesitzer denken nicht lange nach, wenn staatliche Subventionen winken.

Der Tübinger Oberbürgermeister und Grünen-Politiker Boris Palmer zieht mit der provozierenden Ankündigung über die Diskussionspodien der Republik, er werde die Tübinger Altstadt komplett wärmedämmen. „Eine Stadt macht blau“ heißt seine Kampagne, mit der er die CO2-Emissionen bis 2020 um 70 Prozent reduzieren möchte. „Wir verschandeln unseren Bestand ganz bewusst mit Wärmedämmverbundsystemen“, reizt er die Architekten, die „Bedenkenträger“.

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