Wirtschaft : Argentinien: Finanzkrise erschüttert die Märkte

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Eine Verkaufswelle hat die Schwellenmärkte rund um den Globus in den vergangenen Tagen überrollt. Auslöser waren wachsende Sorgen über eine Wirtschafts- und Finanzkrise in Argentinien. Anleihen, Aktien und Währung gerieten an den Börsen der Emerging Markets ( siehe Lexikon ) in einen starken Abwärtssog. Händler zogen Parallelen zur den schlimmen Turbulenzen in den Jahren 1997 und 1998 als ein Abwertungswettlauf in Asien sowie Krisen in Russland und Brasilien die Weltwirtschaft an den Rand einer Rezession zu drängen drohten.

In den vergangenen Tagen überstürzten sich die negativen Ereignisse in Argentinien: Die Schatzscheine - Zinspapiere mit dreimonatiger Laufzeit -, die Anfang des Jahres noch mit sieben Prozent verzinst wurden, fanden am Dienstag nur noch zu Renditen von gut 14 Prozent Käufer. Ausländische Investoren forderten höhere Risikoprämien aus Angst, dass der argentinische Peso abwerten müsse und das Land seine Schulden nicht länger bedienen könne. Der Renditeunterschied zwischen langlaufenden argentinischen Staatsanleihen und vergleichbaren US-Dollar-Bonds schnellte innerhalb eines Monats von 8,75 auf 13 Prozentpunkte hoch. Der Leitindex der Börse - Merval - fiel auf den tiefsten Stand seit drei Jahren.

Wirtschaftsminister Domingo Cavallo musste eingestehen, dass die Finanzierung der öffentlichen Ausgaben nicht mehr gesichert sei. Viele US-Analysten gehen inzwischen davon aus, das Argentinien seine Staatsschulden nicht mehr lange bedienen kann und bei den Zins- und Tilgungszahlungen für die 130 Milliarden Dollar ausstehender Anleihen in Verzug gerät. Argentiniens Wirtschaft steckt seit drei Jahren in einer Rezession. Wegen der hohen Auslandsschulden stuften Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit des Landes herab.

Zur Bekämpfung der Finanzskrise kündigte Präsident Fernando de la Rua einen strikten Sparkurs an. Die Regierung werde nur so viel Geld ausgeben, wie sie auch einnehme, sagte De la Rua am Mittwoch in Buenos Aires. Die Regierung versprach, die Staatsausgaben, auch die Gehälter und Pensionen im öffentlichen Dienst, zu kürzen. Ziel sei es, das Haushaltsdefizit noch in diesem Jahr auszumerzen. "Ab diesem Monat, ab sofort gilt ein Null-Defizit", sagte der argentinische Wirtschaftsminister Domingo Cavallo im Fernsehen und kündigte einen Kampf gegen Steuerhinterziehung, Schattenwirtschaft, politische Ausgaben und Ineffektivität an. Beobachter veranschlagen Einsparungen von zehn Milliarden US-Dollar, soll das ehrgeizige Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts erreicht werden. Dazu ist die schwache Regierung von De la Rua auf die Zusammenarbeit mit den Provinzgouverneuren und oppositionellen Parlamentariern angewiesen. Doch hier ist mit hartnäckigem Widerstand zu rechnen.

Der IWF hatte zuletzt noch für die kommenden Wochen eine Besserung der Lage prognostiziert. Der Lateinamerika-Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Claudio Loser, hatte am Mittwoch gesagt: "Die Situation in Argentinien wird sich in den kommenden Wochen verbessern, ohne eine Zahlungsunfähigkeit, mit Haushaltsdisziplin und einer Fortsetzung der Konvertibilität zwischen Peso und Dollar."

Jetzt heißt es aus Kreisen des IWF in Washington, der Fonds sei "sehr besorgt über die Situation". Bislang habe man allerdings noch nicht darüber nachgedacht, neue Kredite an Argentinien zu vergeben, um dem Land bei der Bewältigung der Krise zu helfen. Erst im Dezember hatte Argentinien vom IWF einen Finanzkredit über 40 Milliarden Dollar (rund 90 Milliarden Mark) erhalten. Die Situation in Argentinien sei "extrem anfällig und extrem gefährlich" und es sei nun erforderlich, den politischen Willen und die Entscheidungsfähigkeit zu stärken, verlautete aus den Kreisen. Der IWF könne derzeit allerdings wenig tun, Argentinien müsse das Problem selbst angehen.

In Lateinamerika blickt man sorgenvoll in Richtung Süden. Die Zweifel wachsen, ob der im März als Retter in der Not ins Kabinett zurückgeholte Wirtschaftsminister Cavallo ein Rezept findet, die drittgrößte Volkswirtschaft des Subkontinents der Rezession zu führen. Während in Argentinien die Währung per Gesetz eins zu eins an den Dollar gekoppelt ist, leidet im benachbarten Brasilien der Real inzwischen an Schwindsucht. Der Ansturm auf den US-Dollar als Schutz vor einem befürchteten Währungskollaps nimmt von Tag zu Tag zu. Der Real büßte seit Jahresanfang rund 30 Prozent seines Wertes gegenüber dem Dollar ein, davon mehr als acht Prozent im laufenden Monat. Es half nicht, dass die brasilianische Zentralbank in den vergangenen 18 Handelstagen 1,8 Milliarden Dollar für Stützungskäufe ausgegeben hat und der Leitsatz von derzeit 18,25 Prozent sogar noch erhöht werden soll.

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